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William Shakespeare: Troilus und Cressida - Kapitel 1
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGesammelte Werke in drei Bänden, dritter Band, Tragödien
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf Baudissin
publisherSigbert Mohn Verlag, Gütersloh
titleTroilus und Cressida
pages5-100
senderolesch@rbg.informatik.tu-darmstadt.de
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William Shakespeare

Troilus und Cressida

William Shakespeare

Troilus und Cressida

Übersetzt von Wolf Graf Baudissin



PERSONEN

PRIAMUS, König von Troja
HEKTOR
TROILUS
PARIS
DEIPHOBUS
HELENUS
}
}
seine Söhne
ÄNEAS
ANTENOR
} trojanische Heerführer
KALCHAS, ein trojanischer Priester , der auf der Seite der Griechen steht
PANDARUS, Oheim der Cressida
MARGARELON , ein Bastardsohn des Priamus
AGAMEMNON, Oberanführer der Griechen
MENELAUS, sein Bruder
ACHILLES
AJAX
ULYSSES
NESTOR
DIOMEDES
PATROKLUS
[TERSITES ]
}
}
}
griechische Heerführer
THERSITES, ein mißgebildeter und vulgärer Grieche
ALEXANDER, Diener der Cressida
PAGE des Troilus, DIENER des Paris, DIENER des Diomedes
HELENA, Gemahlin des Menelaus
ANDROMACHE, Gemahlin des Hektor
KASSANDRA, Tochter des Priamus , eine Prophetin
CRESSIDA, Tochter des Kalchas
Trojanische und griechische Krieger und Gefolge

Die Szene ist in Troja und im griechischen Lager vor dieser Stadt


PROLOGUS


Die Szen ist Troja. Von den Inseln Gräcias
Sandten zornmütge Fürsten, heißen Bluts,
Zum Hafen von Athen die Ruderschiffe,
Beladen mit den Dienern und der Rüstung
Des grausen Krieges. Neunundsechzig sinds,
Gekrönte Fürsten, die von Attika
Gesegelt sind gen Phrygien; ihr Gelübde,
Troja zu schleifen, wo im Schirm der Mauern
Helena ruht – geraubt dem Menelaus –
Beim liebesselgen Paris: das die Ursach!
Sie ziehn nach Tenedos,
Und dort spein ihre kriegerische Fracht,
Die tief sie drückte, nun die Schiffe aus;
Vor Troja baut das unversehrte Heer
Feldlager auf. – Sechstorig Priams Stadt
– Dardania, Thymbria, Ilias, Chetas, Troas
Und Antenoridas –, mit mächtgen Krampen
Und wohlausfüllend schwer gewichtgen Riegeln,
Schließt Trojas Söhne ein. –
Erwartung nun, die muntern Geister schürend
Auf dieser Seit und jener, Troer, Griechen,
Setzt alles auf das Spiel; und hieher komm ich
Als Prologus im Harnisch; nicht vertrauend
Dem Werk des Dichters noch der Spieler Kunst,
Nur angetan, dem Kriegsgedichte ziemend,
Meld ich euch, edle Hörer, wie das Spiel,
Des Kampts Beginn und Erstlinge verschweigend,
Anfängt im Mittelpunkt, von dort enteilt
Und nur, wo sich die Szene bietet, weilt.
So haltet Lob und Tadel nicht zurück;
Bald gut, bald schlimm, es ist nur Kriegesglück.






ERSTER AKT

ERSTE SZENE

Troja . Vor dem Palsat des Priamus


Troilus in Waffen und Pandarus treten auf.

TROILUS
Ruft meinen Knappen her, mich zu entwaffnen;
Was soll ich vor den Mauern Trojas fechten,
Dem hier im Innern tobt so wilder Kampf?
Wem von den Troern noch ein Herz gehört,
Der zieh ins Feld; ach, Troilus hat keins!

PANDARUS
Kommst du denn damit nie zurecht?

TROILUS
Der Griech ist stark und bei der Kraft gewandt,
Keck bei Gewandtheit und bei Keckheit tapfer;
Doch ich bin schwächer als des Weibes Tränen,
Zahmer als Schlaf, betörter als die Einfalt,
Zaghafter als die Jungfrau in der Nacht
Und ungewandt wie unbelehrte Kindheit.

PANDARUS
Nun, ich habe dirs genug gesagt; ich meinesteils werde mich nicht mehr drein mischen und mengen. Der, der aus dem Weizen einen Kuchen haben will, muß das Mahlen abwarten.

TROILUS
Hab ich nicht gewartet?

PANDARUS
Ja, auf das Mahlen; aber Ihr müßt das Beuteln abwarten.

TROILUS
Hab ich nicht gewartet?

PANDARUS
Ja, auf das Beuteln, aber Ihr müßt das Säuern abwarten.

TROILUS
Auch darauf hab ich gewartet.

PANDARUS
Ja, aufs Säuern; aber nun kommt noch in dem Wort »hernach« das Kneten, das Formen des Kuchens, das Heizen des Ofens und das Backen; ja, Ihr müßt auch noch das Kaltwerden abwarten, oder Ihr lauft Gefahr, Euch die Lippen zu verbrennen.

TROILUS
Die Langmut selbst, wie sehr sie Göttin ist,
Weicht vor dem Dulden mehr als ich zurück.
Ich sitz an Priams Königstisch, und kommt
Die holde Cressida mir in den Sinn –
Verräter du! – sie »kommt?« Wann wär sie fort?

PANDARUS
Gewiß, sie war gestern abend reizender, als ich sie oder irgendein Mädchen je gesehn.

TROILUS
O laß dir noch erzählen: wie mein Herz,
Als sprengts ein Seufzer, mir zerbrechen wollte;
Daß mich mein Vater nicht erriet' noch Hektor,
Verbarg ich, wie die Sonn im Sturme leuchtet,
In eines Lächelns Falte diesen Seufzer;
Doch gleicht, in Schein der Lust verhüllt, Bedrängnis
Dem Scherz, der bald zum Gram wird durchs Verhängnis.

PANDARUS
Ja, wär ihr Haar nicht etwas dunkler als das der Helena – doch was tut das? –, so wäre gar kein Unterschied zwischen den beiden Frauen. Doch was mich betrifft, so ist sie meine Nichte, ich möchte sie nicht, wie man zu sagen pflegt, herausstreichen; aber ich wollte, es hätte sie jemand gestern reden hören wie ich. Ich will dem Verstand deiner Schwester Kassandra nicht zu nahe treten; aber –

TROILUS
O Pandarus! Ich sag dir, Pandarus –
Wenn ich dir sage, dort ertrank mein Hoffen,
Erwidre nicht, wie viele Klafter tief
Es untersank. Ich sag, ich bin verzückt
Aus Lieb in Cressida; du nennst sie schön,
Senkst in die offne Wunde meines Herzens
Den Blick, das Haar, die Wange, Gang und Stimme,
Handelst in deiner Red – o liebe Hand,
Mit der verglichen alles Weiß wie Tinte
Sich selbst das Urteil schreibt; ihr sanft Berühren
Macht rauh des Schwanes Flaum, die feinste Fühlung
Hart wie des Pflügers Faust – dies sagst du mir,
Und wahrhaft ganz, wenn ich dir schwör, ich liebe;
Doch mit dem Wort legst du in jede Wunde,
Mit der mich Liebe traf, statt Öls und Balsams
Den Dolch, der sie geschlagen.

PANDARUS
Ich sage nur, was wahr.

TROILUS
Nicht einmal so viel!

PANDARUS
Meiner Treu, ich mische mich nicht mehr hinein. Mag sie sein, wie sie ist! Ist sie schön, um so besser für sie; ist sie's nicht, so wird sie schon wissen, wie sie sich helfen kann.

TROILUS
Lieber Pandarus! Was ist, Pandarus?

PANDARUS
Müh und Not hatt ich von meinen Wegen; verkannt von ihr und verkannt von Euch; immer hin und her gelaufen und schlechten Dank für meine Mühe.

TROILUS
Was, bist du böse, Pandarus? Auf mich?

PANDARUS
Weil sie mit mir verwandt ist, darum ist sie nicht so schön als Helena; wäre sie nicht mit mir verwandt, da wäre sie freitags ebenso schön als Helena sonntags. Doch was kümmerts mich? Mir solls einerlei sein, und wenn sie schwarz wie eine Mohrin aussähe; es ist mir alles gleich.

TROILUS
Sage ich denn, sie sei nicht schön?

PANDARUS
Es kümmert mich nicht, ob Ihrs sagt oder nicht. Sie ist eine Törin, daß sie ihrem Vater nicht nachfolgt; sie muß zu den Griechen, und das werde ich ihr sagen, sobald ich sie sehe. Ich meinesteils will mich nicht mehr drein mischen noch mengen.

TROILUS
Pandarus –

PANDARUS
Ich nicht.

TROILUS
Bester Pandarus –

PANDARUS
Bitt Euch, laßt mich in Frieden! Ich lasse alles, wie ichs gefunden, und damit gut!
Pandarus ab. Es wird zum Kampf geblasen.

TROILUS
Still, rauhe Töne, still, unholder Klang!
Narrn, beiderseits! Schön sein muß Helena,
Wenn ihr sie täglich schminkt mit eurem Blut.
Der Anlaß kann mich nicht zum Kampf begeistern,
Zu dürftig für mein Schwert ist dieser Preis! –
Und Pandarus – Wie quält ihr mich, ihr Götter!
Zugänglich nur wird Cressida durch ihn;
Den Querkopf werb ich nie zum Werben an,
Und sie bleibt spröd verschlossen jeder Bitte.
Sag mir, Apoll, um deiner Daphne Liebe,
Was Cressida, was Pandar ist, was ich?
Ihr Bett ist Indien! Dort als Perle ruht sie;
Was zwischen ihrem Thron und unserm Ilium,
Nenn ich empörtes, flutbewegtes Meer,
Mich selbst den Kaufherrn, und den Schiffer Pandar
Mein Boot, mein Schiffgeleit, mein zweifelnd Hoffen.
Trompelen. Äneas tritt auf.

ÄNEAS
Wie denn, Prinz Troilus? Weshalb nicht im Feld?

TROILUS
Weil ich nicht dort. Die Weiberantwort paßt,
Denn weibisch ist es, draußen nicht zu sein.
Was gibts, Äneas, Neues heut im Feld?

ÄNEAS
Daß Paris heimgekommen und verwundet.

TROILUS
Durch wen, Äneas?

ÄNEAS
                   Menelaus tats.

TROILUS
Zum Lachen! Nahm ihn jener so aufs Korn?
Paris geschrammt von Menelaus' Horn?
Trompetensignal.

ÄNEAS
Horch, lustge Jagd dort draußen, hell und scharf!

TROILUS
Weit schöner hier, wenn »dürft ich« hieß: »ich darf«.
Doch hin zur Jagd ins Feld! Willst du hinunter?

ÄNEAS
In aller Eil!

TROILUS
               So gehn wir rasch und munter.
Sie gehn ab.




ZWEITE SZENE

Daselbst . Eine Straße


Es treten auf Cressida und Alexander, ihr Diener.

CRESSIDA
Wer ging vorbei?

ALEXANDER
                   Die Königin Hekuba
Und Helena.

CRESSIDA
             Wohin?

ALEXANDER
                     Zum Turm nach Osten,
Des Höh die ganze Gegend überschaut,
Die Schlacht zu sehen. Hektor, des Geduld
Sonst unerschütterlich, war heut bewegt;
Er schalt Andromache und schlug den Wappner,
Und gleich, als gölt im Kriege gute Wirtschaft,
War er in Waffen vor dem Morgenlicht
Und zog ins Feld hinaus, wo jede Blume
Wie ein Prophet beweint, was sie voraussieht
In Hektors Zorn.

CRESSIDA
                     Was reizte seine Wut?

ALEXANDER
So wird erzählt: Im Heer der Griechen kämpfte
Ein Fürst aus Troerblut, des Hektors Vetter,
Ajax mit Namen.

CRESSIDA
                   Wohl; was sagt man weiter?

ALEXANDER
Er ist, so heißts, ein ganz besondrer Mann
Und steht allein.

CRESSIDA
Das tun alle Männer, wenn sie nicbt betrunken oder krank sind oder keine Beine haben.

ALEXANDER
Dieser Mann, mein Fräulein, hat sich die Eigentümlichkeit von allerlei Tieren zugeeignet: Er ist so kühn wie der Löwe, so täppisch wie der Bär, so langsam wie der Elefant; ein Mann, in dem die Natur so viel Launen gehäuft hat, daß seine Tüchtigkeit in Torheit untergeht, seine Torheit durch Verständigkeit gewürzt ist. Niemand besitzt eine Tugend, von der er nicht einen Anflug bekommen hätte, noch irgend jemand eine Unart, von der ihm nicht etwas anklebte; er ist melancholisch ohne Ursach und lustig wider den Strich; er hat die Gelenkigkeit zu jedem Dinge, aber jedes Ding ist an ihm so ungelenk, daß er wie ein gichtischer Briareus hundert Hände und keine zum Gebrauch hat, oder wie ein stockblinder Argus lauter Augen und keine Sehkraft.

CRESSIDA
Wie kann aber dieser Mann, der mich lächeln macht, den Hektor in Zorn bringen?

ALEXANDER
Man erzählt, er sei gestern mit Hektor in der Schlacht handgemein geworden und habe ihn niedergeschlagen, und der Verdruß darüber und die Schmach habe den Hektor seitdem nicht essen noch schlafen lassen.
Pandarus kommt.

CRESSIDA
Wer kommt?

ALEXANDER
Fräulein, Euer Oheim Pandarus.

CRESSIDA
Hektor ist ein tapfrer Degen.

ALEXANDER
Wie nur irgendeiner in der Welt, Fräulein!

PANDARUS
Was sagt ihr? Was sagt ihr?

CRESSIDA
Guten Morgen, Oheim Pandarus!

PANDARUS
Guten Morgen, Muhme Cressida! Wovon sprecht ihr? Guten Morgen, Alexander! Wie gehts dir, Nichte? Wann warst du in Ilium?

CRESSIDA
Heute morgen, Oheim.

PANDARUS
Wovon spracht ihr, als ich kam? War Hektor schon gewaffnet und ins Feld gezogen, als du nach Ilium kamst? Helena war wohl noch nicht aufgestanden, nicht wahr?

CRESSIDA
Hektor war schon fort, aber Helena noch nicht aufgestanden.

PANDARUS
Ja, ja, Hektor war recht früh auf den Beinen.

CRESSIDA
Davon sprachen wir eben; und daß er aufgebracht sei.

PANDARUS
War er aufgebracht?

CRESSIDA
Das sagt mir dieser da.

PANDARUS
Freilich war er aufgebracht; ich weiß auch, warum; heut wird ers ihnen beibringen, das kann ich ihnen sagen, und Troilus wird ihm so ziemlich gleichkommen; sie mögen sich nur vor Troilus in acht nehmen; das mogen sie mir glauben!

CRESSIDA
Wie! Ist der auch aufgebracht?

PANDARUS
Was, Troilus? Troilus ist der Beßre von beiden!

CRESSIDA
O Jupiter! Da ist gar kein Vergleich!

PANDARUS
Wie, nicht zwischen Troilus und Hektor? Erkennst du nicht einen Mann, wenn du ihn siehst?

CRESSIDA
Nun ja, wenn ich ihn sonst schon sah und kannte.

PANDARUS
Ganz recht; ich spreche, Troilus ist Troilus.

CRESSIDA
Da sprecht Ihr wie ich, denn ich weiß gewiß, er ist nicht Hektor.

PANDARUS
Nein, und Hektor ist auch nicht Troilus in gewissem Betracht.

CRESSIDA
So tun wir keinem Unrecht; er ist er selbst.

PANDARUS
Er selbst? Ach, du armer Troilus! Ich wollte, wäre –

CRESSIDA
Er ist es ja.

PANDARUS
Mit dem Beding ginge ich barfuß nach Indien!

CRESSIDA
Hektor ist er nicht!

PANDARUS
Er selbst? Nein, er ist nicht er selbst – ja, ich wollte, er wäre er selbst. Nun, die Götter leben noch; die Zeit schaffts ihm oder entraffts ihm; ja, Troilus, ich wollte, sie hatte mein Herz im Leibe! Nein, Hektor ist kein beßrer Mann als Troilus.

CRESSIDA
Verzeiht!

PANDARUS
Er ist älter.

CRESSIDA
Ich bitte um Entschuldigung!

PANDARUS
Der andre ist noch nicht so alt; ihr sollt ganz anders sprechen, wenn der andre erst so alt sein wird. Hektor kann lange warten, ehe er seinen Verstand bekommt!

CRESSIDA
Den braucht er auch nicht, wenn er seinen eignen hat.

PANDARUS
Noch seine Eigenschaften.

CRESSIDA
Tut nichts!

PANDARUS
Noch seine Schönheit!

CRESSIDA
Sie würde ihn nicht kleiden, seine eigne ist besser.

PANDARUS
Du hast kein Urteil, Nichte! Helena selbst beteuerte neulich, daß Troilus, wenn von brauner Farbe die Rede sei – denn braun ist er allerdings – und doch nicht so recht eigentlich braun –

CRESSIDA
Nein, sondern braun.

PANDARUS
Die Wahrheit zu sagen, braun und nicht braun.

CRESSIDA
Die Wahrheit zu sagen, wahr und nicht wahr.

PANDARUS
Sie stellte seinen Teint über den des Paris.

CRESSIDA
Nun, Paris hat Farbe genug.

PANDARUS
Das hat er auch.

CRESSIDA
So hatte Troilus denn zu viel Farbe; wenn sie seinen Teint über den des andern stellt, ist er höher an Farbe; wenn nun Paris rot genug ist und Troilus hochrot, so ist das ein zu teuriges Lob für einen guten Teint. Ebensogern hätte Helenas goldne Zunge den Troilus wegen einer Kupfernase rühmen können.

PANDARUS
Ich schwöre dir, ich glaube, Helena liebt ihn mehr als den Paris.

CRESSIDA
Dann ist sie wirklich eine leichtsinnige Griechin.

PANDARUS
Nein, ganz gewiß, das tut sie. Neulich stellte sie sich zu ihm in das Bogenfenster, und du weißt, er hat nur drei oder vier Haare am Kinn –

CRESSIDA
O gewiß, eines Bierzapfers Rechenkunst würde hinreichen, diese Einheiten in eine Summe zu ziehn.

PANDARUS
Nun, er ist noch sehr jung, und doch sind seine Nerven so stählern, daß er dir bis auf zwei, drei Pfund ebensoviel aufheben wird als sein Bruder Hektor.

CRESSIDA
Was! Ein so junger Mann und schon solche Stehlergaben?

PANDARUS
Um dir zu beweisen, daß Helena in ihn verliebt ist – denke nur, sie kam und legte dir ihre weiße Hand an sein gespaltnes Kinn –

CRESSIDA
Juno sei uns gnädig! Wer hats ihm gespalten?

PANDARUS
Erinnerst du dich denn nicht seines Grübchens? Mir scheint, sein Lächeln steht ihm besser als irgend jemand in ganz Phrygien.

CRESSIDA
O ja, er lächelt recht brav.

PANDARUS
Nicht wahr?

CRESSIDA
Freilich, wie eine Regenwolke im Herbst.

PANDARUS
O still doch! Ich wollte dir ja beweisen, daß Helena in Troilus verliebt sei!

CRESSIDA
Troilus wird Euch diesen Beweis nicht verweisen, wenn Ihr ihn führen könnt.

PANDARUS
Troilus? Nun, der fragt nicht mehr nach ihr, als ich nach einem hohlen Ei frage.

CRESSIDA
Wenn Ihr die hohlen Eier so gern habt als die hohlen Köpfe, seid Ihr wohl schal genug, die Schalen ohne Eier zu essen.

PANDARUS
Wahrhaftig, ich muß noch immer lachen, wenn ich dran denke, wie sie ihm am Kinn kitzelte. Das ist doch gewiß, sie hat eine wundervoll weiße Hand; das muß man bekennen.

CRESSIDA
Ohne Folter.

PANDARUS
Und da fällt es ihr ein, ein weißes Haar auf seinem Kinn zu entdecken.

CRESSIDA
Das arme Kinn! Ist doch manche Warze reicher!

PANDARUS
Aber das gab ein Gelächter! Königin Hekuba lachte, daß ihr die Augen übergingen –

CRESSIDA
Von Mühlsteinen.

PANDARUS
Und Kassandra lachte!

CRESSIDA
Aber es war unter dem Topf ihrer Augen wohl ein mäßigeres Feuer: liefen ihre Augen auch über?

PANDARUS
Und Hektor lachte!

CRESSIDA
Und wem galt all dies Lachen?

PANDARUS
Ei, dem weißen Haar, das Helena an Troilus' Kinn erspäht.

CRESSIDA
War es ein grünes gewesen, so hätt ich auch gelacht.

PANDARUS
Sie lachten nicht so sehr über das Haar, als über seine hübsche Antwort.

CRESSIDA
Wie war seine Antwort?

PANDARUS
Sie hatte gesagt: Hier sind nur einundfünfzig Haare an Euerm Kinn, und eins davon ist weiß?

CRESSIDA
Das war ihre Frage?

PANDARUS
Jawohl, das bedarf keiner Frage. Einundfünfzig Haare, sagte er und ein weißes: das weiße Haar ist mein Vater, und die übrigen sind seine Söhne. O Jupiter, sagte sie, welches von diesen Haaren ist Paris, mein Gemahl? Das gespaltene, sagte er, reißt es aus und gebts ihm! Und nun entstand solch ein Gelächter, und Helena ward so rot, und Paris so böse, und die übrigen lachten so sehr, daß es ins Weite ging.

CRESSIDA
Da mag es auch bleiben, denn es ist nicht weit her.

PANDARUS
Nun, Nichte, ich sagte dir gestern etwas; das nimm dir zu Herzen!

CRESSIDA
Das tu ich auch.

PANDARUS
Ich schwöre dir, es ist wahr, er weint dir wie einer, der im April geboren ist.
[Man hört zum Rückzug blasen. ]

CRESSIDA
Und ich will in diesen Tränen so lustig aufwachsen, wie eine Nessel im Mai.
Es wird zum Rückzug geblasen.

PANDARUS
Horch, sie kommen aus dem Felde nach Haus; sollen wir hier hinauf treten und sie nach Ilium ziehn sehn? Tu es, liebste Nichte, tu es, liebste Nichte Cressida!

CRESSIDA
Wie es Euch gefällt.

PANDARUS
Hier, hier ist ein allerliebster Platz, hier können wirs recht schmuck mitansehn. Ich will sie dir alle bei Namen nennen, wie sie vorbeiziehn; merke nur vor allen auf Troilus.
Äneas geht über die Bühne.

CRESSIDA
Sprecht nicht so laut.

PANDARUS
Das ist Äneas; ist das nicht ein hübscher Mann? Es ist eine rechte Blume unter den Troern, das kann ich dir sagen. Aber merke nur auf Troilus; gleich wird er kommen!
Antenor geht vorüber.

CRESSIDA
Wer ist das?
[Antenor geht vorüber. ]

PANDARUS
Das ist Antenor, der ist recht kurz angebunden, das kann ich dir sagen, und ist ein guter Soldat; einer von den besten Köpfen in ganz Troja, und ein artiger Mann in seiner ganzen Person. – Wann kommt doch Troilus? Gleich sollst du Troilus sehn. Gib acht, wie er nicken wird, wenn er mich sieht.

CRESSIDA
Nickt er immer ein, wenn er Euch sieht? –

PANDARUS
Ihr sollt es sehen.

CRESSIDA
Falls er es tut, sollen die Reichen noch mehr haben.

Hektor geht vorüber.

PANDARUS
Das ist Hektor, der da, der da! Siehst du, der! Das ist ein Kavalier! Gott sei mit dir, Hektor! Das ist ein wackrer Mann, Nichte. O du edler Hektor! Sieh, wie er um sich blickt! Das ist eine Haltung! Ists nicht ein stattlicher Mann?

CRESSIDA
Ein recht stattlicher Mann.

PANDARUS
Nicht wahr? Es ist eine rechte Herzenslust, ihn zu sehn. Sieh nur, wieviel Beulen auf seinem Helm sind! Sieh nur hin, siehst du's? Sieh nur hin! Mit dem ist nicht zu spaßen; der verstehts; mit dem solls einmal einer aufnehmen! Das nenn ich Hiebe!

CRESSIDA
Sind die von Schwertern?
[Paris geht vorüber. ]

PANDARUS
Von Schwertern? Von was sie wollen, das kümmert ihn nicht. Wenn auch der Teufel mit ihm anbände, das ist ihm alles gleich. Ja, beim Element, es ist eine wahre Lust! Ach, dort kommt Paris, dort kommt Paris;
Paris geht vorüber.
siehst du dort, Nichte? Ist das nicht auch ein hübscher Mann? Nicht? – Ei, das ist ja allerliebst – wer sagte doch, er wäre heut verwundet? Nun, das wird für Helena eine rechte Freude sein. O wenn ich doch nur den Troilus sähe! Gleich wirst du Troilus zu sehn bekommen.
Helenas geht vorüber.

CRESSIDA
Wer ist das?
[Helenas geht vorüber. ]

PANDARUS
Das ist Helenas. Ich begreife gar nicht, wo Troilus bleibt – das ist Helenus – er wird wohl gar nicht zu Felde gezogen sein – das ist Helenus.

CRESSIDA
Kann Helenus fechten, Onkel?

PANDARUS
Helenus? Nein – ja, er ficht so ziemlich erträglich. – Ich begreife nicht, wo Troilus bleibt. – Horch! Hörst du nicht, wie die Soldaten rufen: Troilus? – Helenus ist ein Priester.

CRESSIDA
Was für ein Duckmäuser kommt denn da heran?
Troilus geht vorüber.

PANDARUS
Wo, dort? Das ist Deiphobus – nein, Troilus ists! Ach, welch ein Mann! Nichte! Hem! O du wackrer Troilus! Du Fürst der Ritterschaft!

CRESSIDA
Still doch, ums Himmels willen, still!

PANDARUS
Gib acht auf ihn; faß ihn recht ins Auge – o du wackrer Troilus! Sieh ihn dir recht an, Nichte; siehst du, wie blutig sein Schwert ist und sein Helm noch mehr zerhauen als der des Hektor. Und wie er um sich blickt, wie er einhergeht! – O wunderschöner Jüngling; und noch nicht dreiundzwanzig! Geh mit Gott, Troilus, geh mit Gott; hätte ich eine Grazie zur Schwester oder eine Göttin zur Tochter, er sollte die Wahl haben. O wunderschöner Held! – Paris? Paris ist ein Quark gegen ihn, und ich wette, Helena tauschte gern und gäbe noch ein Auge obendrein in den Kauf.
[Mehrere Krieger ziehn vorüber. ]

CRESSIDA
Dort kommen noch mehr.
Gemeine Soldaten ziehen vorüber.

PANDARUS
Esel, Narren, Tölpel! Spreu und Kleie, Spreu und Kleie! Suppe nach der Mahlzeit! In Troilus' Anblick konnt ich leben und sterben. Sieh nicht weiter hin; die Adier sind vorüber; Krähen und Dohlen, Krähen und Dohlen! Lieber wär ich solch ein Held wie Troilus, als Agamemnon mit ganz Griechenland.

CRESSIDA
Die Griechen haben ihren Achilles; der übertrifft den Troilus.

PANDARUS
Achilles? Ein Lastträger, ein Karrenschieber, ein rechtes Kamel!

CRESSIDA
Nun, nun!

PANDARUS
Nun, nun? Hast du denn kein Urteil? Hast du denn keine Augen? Verstehst du, was ein Mann ist? Sind denn nicht Geburt, Schönheit, gute Figur, Beredsamkeit, Mannhaftigkeit, Bildung, Artigkeit, Tapferkeit, Jugend, Freigebigkeit, und was dem gleicht, die Spezereien und das Salz, die einen Mann würzen?

CRESSIDA
O ja; ein Mengelmus von einem Manne, und so in der Pastete gehackt und gebacken gibts ein Mus von lauter Mängeln.

PANDARUS
Was sind das nun wieder für Reden! Man weiß nie, auf welcher Lauer du liegst.

CRESSIDA
Auf meinem Rücken, um meinen Leib frei zu haben; auf meinem Witz, um meine Launen zu verteidigen; auf meiner Verschwiegenheit, um meinen guten Ruf zu sichern; meiner Maske vertrau ich, um meine Schönheit zu bewahren; dann endlich auch, um das alles zu schützen; und auf allen diesen Lauerplätzen lieg ich und habe wohl tausend Wachen.

PANDARUS
Nenne mir eine deiner Wachen.

CRESSIDA
Das ist eben meine Hauptwache, die gegen Euch gerichtet ist. Denn wenn ich erst nicht mehr behüten kann, was niemand finden sollte, so kann ich Euch wenigstens bewachen, daß Ihr nicht erfahrt, wie ich zu Schaden kam; es müßte denn so zunehmen, daß sichs nicht mehr verstecken ließe; und dann wärs ohnehin mit dem Wachen vorbei.

PANDARUS
Ihr seid mir die Rechte!
Der Page des Troilus kommt.

PAGE
Herr, mein Gebieter wünscht Euch gleich zu sprechen.

PANDARUS
Wo?

PAGE
In Euerm Hause, Herr; dort legt er seine Rüstung ab.

PANDARUS
Lieber Kleiner, sag ihm, ich komme gleich.
Der Page geht.
Ich fürchte, er ist verwundet. Lebe wohl, liebe Nichte, lebe wohl!

CRESSIDA
Lebt wohl, Oheim!

PANDARUS
Ich bin gleich wieder bei Euch, Nichte.

CRESSIDA
Und bringt mir –

PANDARUS
Nun ja! Ein Liebespfand von Troilus.
[Geht ab. ]

CRESSIDA
Bei diesem Liebespfand, du bist ein Kuppler!
Pandarus geht ab.
Wort, Gab und Trän und heilgen Schwurs Beteuern
Läßt er nicht ab für jenen zu erneuern.
Zwar mehr in Troilus hab ich gewahrt,
Als was mir Pandars Spiegel offenbart –
Doch nein! – Engel sind Frauen, wenn man wirbt;
Ahnung ist Lust, die im Genuß erstirbt.
Nichts weiß ein liebend Mädchen, bis sie weiß:
Allein das Unerreichte steht im Preis,
Und so hat niemals noch ein Weib empfangen
Liebe so süß, wie ihr gewährt Verlangen.
Drum folg ich diesem Spruch der Liebessitte:
Gewähren bringt Befehl, Versagen Bitte;
Und mag mein Herz auch treue Lieb empfinden,
Nie soll ein Blick, ein Wort sie je verkünden.
Ab.



DRITTE SZENE

Das griechische Lager . Vor Agamemnons Zelt


Trompeten. Es treten auf Agamemnon, Nestor, Ulysses, Menelaus und andere.

AGAMEMNON
                                   Fürsten,
Kann Gram mit Gelbsucht Eure Wangen färben?
Bei jedem Plan, auf Erden hier begonnen,
Bildet Erwartung sich ein großes Ziel;
So groß verwirklicht es sich nie. Denn Hemmung
Keimt in den Adern hochgezielter Tat,
Wie Knorren, durch zu üppgen Saft erzeugt,
Der schlanken Fichte Wacbstum stockend lähmen,
Daß sie gekrummt und siech nicht hoch erwächst.
Auch kanns, Ihr Fürsten, nicht befremdlich sein,
Wenn uns Erwartung täuscht und Trojas Mauern
Noch aufrecht stehn, bedroht seit sieben Jahren,
Weil jede Kriegstat schon in vorger Zeit,
Von der uns Kunde zukam, ward gekreuzt
Und im Versuch weit abgelenkt vom Ziel
Und jenem geistgen Vorbild des Gedankens,
Das ihr ein Traumbild schuf. Weshalb denn, Fürsten,
Seht Ihr beschämten Blicks auf unser Werk,
Als wäre Schmach, was doch nichts anders ist,
Als des erhabnen Zeus verzögert Prüfen,
Ob noch im Menschen fest Beharren sei?
Denn nicht erprobt sich dieser echte Stahl,
Begünstigt uns Fortuna, denn alsdann
Scheint Held und Feiger, Narr und Weiser, Künstler
Und Tor, Weichling und Starker nah verwandt;
Doch in dem Sturm und Schnauben ihres Zorns,
Wirft Sondrung, mit gewaltger, breiter Schaufel
Alles aufschütteind, leichte Spreu hinweg,
Und was Gewicht und Stoff hat in sich selbst,
Bleibt reich an Tugend liegen, unvermischt.

NESTOR
In schuldger Ehrfurcht deinem heilgen Thron,
O Agamemnon, wird dein letztes Wort
Nestor erläutern. In dem Kampf mit Wechsel
Bewährt sich echte Kraft. Auf stiller See,
Wie fährt so mancher gaukeind winzge Kahn
Auf ihrer ruhgen Brust, und gleitet hin
Mit Seglern mächtgen Baus?
Doch laß den Raufer Boreas erzürnen
Die sanfte Thetis: rasch durchschneidet dann
Das starkgerippte Schiff die Wellenberge,
Springt zwischen beiden feuchten Elementen
Gleich Perseus' Roß – wo bleibt das eitle Boot,
Des schwachgefügte Seiten eben noch
Wettkämpften mit der Kraft? Es flieht zum Hafen,
Wenns nicht Neptun verschlingt. So trennt sich auch
Des Mutes Schein vom wahren Kern des Mutes
Im Sturm des Glücks, denn strahlt es hell und mild,
Dann wird die Bremse quälender der Herde
Als selbst der Tiger; doch wenn Stürme spaltend
Der knotigen Eiche Knie darniederbeugen
Und Schutz die Fliege sucht, ja, dann das Tier des Mutes,
Wie aufgeregt von Wut, wird selber Wut
Und brüllt, in gleichen Tönen widerhallend,
Dem zorngen Glück entgegen.

ULYSSES
                               Agamemnon,
Du großer Fürst, Gebein und Nerv der Griechen,
Herz unsrer Scharen, Seel und einzger Geist,
In dem Gemüt und Wesen aller sollte
Beschlossen sein, hör, was Ulysses spricht,
Den Beifall und die Huldgung abgerechnet,
Die,
zu Agamemnon
     Mächtger du durch Rang und Herrscherwürde,
zu Nestor
Und du, Ehrwürdger durch dein hohes Alter,
Ich euren Reden zolle, die so trefflich,
Daß Agamemnon und der Griechen Hand
Sie sollt in Erz erhöhn; und deine gleichfalls,
Ehrwürdger Nestor, silberweiß, mit Banden
Aus Luft gewebt, stark wie die Achs, urn die
Der Himmel kreist, sollt aller Griechen Ohr
An deine weise Zunge fessein – doch,
Du Staatsmann und du Fürst, vergönnt Ulysses
Nach Euch zu reden.

AGAMEMNON
Sprich, Held von Ithaka; so sicher ists,
Daß kein unnützes, kein gehaltlos Wort
Je deine Lippen teilt, als wir erwarten,
Wenn Hund Thersites anstimmt sein Gebell,
Je Witz, Musik, Orakel zu vernehmen.

ULYSSES
Troja, noch unerschüttert, wär gefallen
Und herrenlos des großen Hektor Schwert,
Wenn folgendes nicht hemmte:
Verkannt wird Seel und Geist der Oberherrschaft!
Und seht: so viele Griechenzelte hohl
Stehn auf dem Feld, so viel Parteienhohlheit! –
Wenn nicht der Feldherr gleicht dem Bienenstock,
Dem alle Schwärme ihre Beute zollen,
Wie hofft ihr Honig? Wenn sich Rang verlarvt,
Scheint auch der Schlechtste in der Maske edel.
Die Himmel selbst, Planeten und dies Zentrum,
Reihn sich nach Abstand, Rang und Würdigkeit,
Beharrungskraft, Form, Lauf, Verhältnis, Jahreszeit,
Amt und Gewohnheit in der Ordnung Folge;
Und deshalb thront der majestätsche Sol
Als Hauptplanet in höchster Herrlichkeit
Vor allen andern, sein heilkräftig Auge
Verbessert den Aspekt bösartger Sterne
Und trifft, wie Königs Machtwort, allbeherrschend
Auf Gut und Böses. Doch wenn die Planeten
In schlimmer Mischung irren ohne Regel,
Welch Schrecknis! Welche Plag und Meuterei!
Welch Stürmen auf der See! Wie bebt die Erde!
Wie rast der Wind! Furcht, Umsturz, Graun und Zwiespalt
Reißt nieder, wühlt, zerschmettert und entwurzelt
Die Eintracht und vermählte Ruh der Staaten
Ganz aus den Fugen! Oh, wird Rangordnung,
Die Letter aller hohen Plän, erschüttert,
So krankt die Ausführung. Wie könnten Gilden,
Würden der Schule, Brüderschaft in Städten,
Friedsamer Handelsbund getrennter Ufer,
Der Würde und das Recht der Erstgeburt,
Ehrfurcht vor Alter, Zepter, Kron und Lorbeer
Ihr ewig Recht ohn Rangordnung behaupten?
Tilg Rangordnung, verstimme diese Saite,
Und höre dann den Mißklang! Alles träf
Auf offnen Widerstand. Empört dem Ufer
Erschwöllen die Gewässer übers Land,
Daß sich in Schlamm die feste Erde löste,
Macht würde der Tyrann der blöden Schwäche,
Der rohe Sohn schlüg seinen Vater tot,
Kraft hieße Recht – nein, Recht und Unrecht, deren
Endlosen Streit Gerechtigkeit vermittelt,
Verlören, wie Gerechtigkeit, den Namen.
Dann löst sich alles auf nur in Gewalt,
Gewalt in Willkür, Willkür in Begier;
Und die Begier, ein allgemeiner Wolf,
Zwiefältig stark durch Willkür und Gewalt,
Muß dann die Welt als Beute an sich reißen
Und sich zuletzt verschlingen. Großer König,
Dies Chaos, ist erst Rangordnung erstickt,
Folgt ihrem Mord.
Und dies Nichtachten jeder Rangordnung
Geht rückwärts Schritt für Schritt, indems hinauf
Zu klimmen strebt. Des Oberfeldherrn spottet,
Der unter ihm zunächst, den höhnt der zweite,
Den nächsten dann sein Untrer: so vergiftet
Vom ersten Schritt, der seinem Obern trotzt,
Wird jeder folgende zum neidschen Fieber
Kraftloser, bleicher Nebenbuhlerschaft.
Und solch ein Fieber ists, das Troja schirmt,
Nicht eigne Stärke. Kurz, den Troern schafft
Nur unsre Schwäche Frist, nicht eigne Kraft.

NESTOR
Sehr weislich hat Ulysses uns enthüllt
Die Seuche, an der unsre Macht erkrankt.

AGAMEMNON
Der Krankheit Art hast du durchschaut, Ulysses;
Welch Mittel nun?

ULYSSES
Der Held Achilles, den die Meinung krönt
Als Nerv und rechte Hand des ganzen Heers,
Das Ohr gefüllt mit seinem luftgen Ruhm,
Wird frech und launenhaft und ruht ihm Zelt,
Verspottend unser Tun. Mit ihm Patroklus,
Auf einem Lotterbett, treibt freche Possen
Den lieben langen Tag
Und stellt mit tölpisch lächerlichem Pathos,
Das der Verleumder Nachahmung benennt,
Uns all zur Schau. Manchmal, o großer König,
Agiert er deine höchste Majestat,
Stolzierend wie ein Bühnenheld, des Geist
Im Kniebug wohnt und dens erhaben dünkt,
Der Bretter Schall und hölzern Echo hören,
Wenn er mit steifem Fuß den Boden stampft;
So jämmerlich verdreht und übertrieben
Verzerrt er deine Hoheit. Wenn er spricht,
Klingts wie geborstne Glocken: sinnlos Zeug,
Wie es von Typhons Schlund hervorgebrüllt
Noch Bombast schiene. Bei dem schalen Wust
Liegt breit und faul Achilles auf den Polstern,
Lacht aus der tiefen Brust ihm lauten Beifall,
Ruft: Herrlich! Das ist Agamemnon völlig!
Nun spiel mir Nestor! Räuspre, streich den Bart
Wie er, wenn er zu reden Anstalt macht! –
Er tuts und triffts, wie Nord und Süd sich treffen,
So ähnlich wie Vulkan der Gattin ist,
Doch Freund Achill ruft nochmals: Meisterhaft!
's ist Nestor ganz! Jetzt spiel ihn mir, Patroklus,
Wie er sich nachts beim Überfall bewaffnet. –
Und dann – wie klein! – muß selbst des Alters Schwachheit
Zur Posse dienen; hustend räuspert er,
Schiebt, krankhaft fuschelnd, an des Panzers Hals
Die Nieten ein und aus, und bei dem Spaß
Stirbt Herr Großmächtig, schreit: Genug, Patroklus!
Schaff Rippen mir von Stahl, sonst spreng ich alle
Vor übermäßger Lust! – So dient den beiden
All unsre Fähigkeit, Natur, Gestalt,
Besondre Gab und allgemeine Art,
Vollbrachte Tat, Entwurf, Befehl und Plan,
Aufforderung zum Kampf, Antrag um Stillstand,
Erfolg und Mißgeschick, was ist und nicht ist,
Zum Stoff für Albernheit und Parodie.

NESTOR
Und von dem schlimmen Beispiel dieser zwei,
Die, wie Ulysses sagt, die Meinung krönt
Mit Herrscherton, ward mancher angesteckt.
Ajax, voll Eigendünkels, trägt das Haupt
So hoch gezäumt, so trotzig wie der breite
Achilles, bleibt in seinem Zelt wie jener,
Gibt Schmäuse den Partein, schimpft unsre Waffen,
Als wär er ein Orakel, hetzt Thersites,
Den Schalksnarrn, der wie Münze Lästrung prägt,
Durch niedrigen Vergleich uns zu besudeln,
Mit Schimpf und Hohn zu schmähn auf unsre Drangsal,
Wie sehr uns auch ringsher Gefahr bedroht.

ULYSSES
Sie lästern unsre Politik als Feigheit,
Sie stoßen Weisheit aus dem Rat des Kriegs,
Verlachen Vorbedacht und würdigen
Nur Tat der Faust – die stille Geisteskraft,
Die prüft, wie viele Hände wirken sollen,
Wenns Zeit erheischt, und durch mühsame Schätzung
Voraus bestimmt, wie zahlreich sei der Feind,
Das alles hält man keines Fingers wert,
Bettarbeit nennt mans, Stubenkrieg und Schreibwerk,
So daß der Widder, der die Mauern bricht,
Und die Gewalt und Sturmkraft seiner Wucht
Den Rang hat vor der Hand, die ihn gezimmert,
Ja selbst vor denen, die mit List und Klugheit
Scharfsinnig seine Wirkung angeordnet.

NESTOR
Dies eingeräumt, so gilt Achilles' Pferd
Viel Thetissöhne!
Trompetenstoß.

AGAMEMNON
                   Horcht! Wes die Trompeten?
Sieh, Menelaus!

MENELAUS
Von Troja!
Äneas tritt auf.

AGAMEMNON
             Was führt Euch hieher?

ÄNEAS
                                    Ist dies
Des großen Agamemnon Zelt?

AGAMEMNON
                             Ja, dieses.

ÄNEAS
Darf einer, der ein Herold ist und Fürst,
Mit offner Botschaft nahn des Königs Ohr?

AGAMEMNON
Noch sichrer, als geschützt vom Arm Achills,
Vor allen griechschen Häuptern, die einsdmmig
Als Haupt und Feldherrn Agamemnon ehren.

ÄNEAS
Höflich Gewähren; Sicherheit vollauf. –
Wie mag, wer diesen höchsten Blicken fremd,
Von andern Sterblichen ihn unterscheiden?

AGAMEMNON
                                              Wie?

ÄNEAS
Ich frag, auf daß ich Ehrfurcht in mir wecke
Und ein Erröten auf die Wange rufe,
Beschämt, so wie Aurora, wenn sie kühl
Zum jungen Phöbus schaut.
Wer ist der Gott im Amt, der Helden lenkt?
Wer ist der Hochgebieter Agamemnon?

AGAMEMNON
Der Troer höhnt uns, oder Trojas Ritter
Sind überfeine Hofherrn.

ÄNEAS
Hofherrn so mild und adlig, ohne Wehr,
Wie Engel hold geneigt; also im Frieden.
Doch fehlt im Kriegsschmuck Zorn nicht, kräftger Arm,
Der Glieder Macht, getreues Schwert – und, Gott voran,
Kein Herz so muterfüllt. Doch still, Äneas!
Still, Troer! Leg den Finger auf die Lippe;
Des Ruhmes Würdigkeit verliert an Wert,
Wenn der Gepriesne selbst mit Lob sich ehrt;
Doch Lob, das vom besiegten Feind erklingt,
Der Taten Ruf ists, der zum Himmel dringt.

AGAMEMNON
Trojanscher Ritter, nennt Ihr Euch Äneas?

ÄNEAS
Ja, Grieche, also heiß ich.

AGAMEMNON
                               Eur Geschäft?

ÄNEAS
Verzeiht, es ist für Agamemnons Ohr!

AGAMEMNON
Er hört nichts heimlich, was von Troja kommt.

ÄNEAS
Auch kam ich nicht von Troja, ihm zu flüstern;
Trompeten laß ich schmettern an sein Ohr
Und weck es, aufmerksam sich mir zu neigen;
Dann will ich reden.

AGAMEMNON
                        Sprich, so frei wie Luft;
Dies ist nicht Agamemnons Schlummerstunde;
Vernehmen sollst du, Troer, er ist wach:
Er selber sagt es dir.

ÄNEAS
                        Trompet, erklinge
Mit ehrnem Schall durch all die trägen Zelte,
Und jedem tapfern Griechen tu es kund;
Was Troja edel meint, das spricht es laut. –
Trompetenstoß.
In Troja lebt, o großer Agamemnon,
Ein Prinz, Hektor mit Namen, Priams Sohn,
Den diese dumpfe, lange Waffenruh
Verrostet hat. Nimm die Trompeten, sprach er,
Und rede so: Ihr Könge, Fürsten, Herrn,
Ist einer von den Edeln Griechenlands,
Dem mehr die Ehre gilt als seine Ruh,
Der mehr nach Ruhm strebt, als Gefahren scheut,
Der seinen Mut wohl kennt, nicht seine Furcht,
Der seine Dame mehr liebt als in Worten,
Mit müßgen Schwüren ihrem Mund gelobt,
Und ihren Wert und Reiz behaupten darf
Nicht bloß mit Liebeswaffen, dem entbiet ich:
Im Angesicht der Griechen und Trojaner
Beweist es Hektor, oder müht sich drum,
Er hab ein Weib, verständger, schöner, treuer,
Als an die Brust jemals ein Grieche schloß;
Und morgen ruft er mit Trompetenklang
Inmitten eurer Zelt und Trojas Mauern,
Daß sich ein Griech erheb in Liebe treu.
Tritt einer auf, wird Hektor hoch ihn ehren;
Wenn keiner kommt, wird er in Troja sagen:
Die griechschen Fraun sind sonnverbrannt und unwert
Des Splitters einer Lanze! – Dies mein Auftrag.

AGAMEMNON
So, Prinz, verkünd ichs unsern Liebenden.
Hat keiner ein Gemüt also entzündet,
Kam keiner mit uns her. Doch wir sind Ritter;
Und sei mit Schmach vom Rittertum vertrieben,
Wer nicht schon liebt, geliebt hat, noch wird lieben.
Drum wer in Lieb ist, sein wird oder war,
Der stelle sich, sonst biet ich selbst mich dar.

NESTOR
Sag ihm vom Nestor, der ein Mann schon war,
Als Hektors Ältervater sog die Brust:
Er ist nun alt, doch findet sich im Heer
Kein edler Mann, in dem ein Funke glüht,
Zu stehn für seine Dame –, sag ihm dies:
Den Silberbart berg ich im Goldvisier
Und in der Schiene den gewelkten Arm.
So tret ich auf, und sag ihm, mein Gemahl
Besiegt' an Schönheit seine Ältermutter,
An Keuschheit alle. Seinem Jugendmut
Zeug ichs mit meinen sieben Tropfen Blut.

ÄNEAS
Verhüte Gott, daß Jugend also selten!

ULYSSES
                                         Amen!

AGAMEMNON
Erlauchter Lord Äneas, reicht die Hand!
Ich führ Euch, Herr, in unsern Pavilion:
Achill vernehme, was Ihr heut bestellt,
Und jeder griechsche Ritter, Zelt für Zelt.
Dann speist mit uns, eh Ihr nach Troja kehrt,
Und edler Feindesgruß sei Euch gewährt.
Sie gehn ab. Es bleiben Ulysses und Nestor.

ULYSSES
Nestor –

NESTOR
          Was sagt Ulysses?

ULYSSES
In meinem Hirn erzeugt sich ein Gedanke;
Seid Ihr die Zeit, ihn zur Geburt zu fördern!

NESTOR
Was ist es?

ULYSSES
              Dies: Man sprengt mit stumpfem Keil
Den harten Klotz. Den überreifen Stolz,
Der hoch in Saat geschossen in dem argen
Achill, muß unsre Sichel schleunig mähn,
Sonst streut er rings dieselbe böse Saat,
Uns alle zu ersticken.

NESTOR
                         Wohl! Und wie?

ULYSSES
Der Kampf, zu dem der tapfre Hektor ruft,
Obschon in Allgemeinheit ausgesprochen,
Zielt doch zunachst allein nur auf Achill.

NESTOR
Der Zweck ist augenfällig; wie ein Ganzes,
Des Großheit sich aus kleinen Teilen formt.
Und wird dies kundgetan, so zweifle nicht,
Achilles, wär auch sein Gehirn so trocken
Als Libyens Strand – und doch, Apoll bezeugs,
's ist dürr genug –, wird mit eilfertgem Urteil,
Ja, unverzüglich, Hektors Zweck durchschaun,
Daß er auf ihn gezielt.

ULYSSES
Und sich der Fordrung stellen, denkt Ihr?

NESTOR
                                           Ja;
So muß es sein. Wer mißt sich sonst mit ihm,
Der aus dem Kampf mit Hektor Ehre brächte,
Als nur Achill? Ists gleich ein Spielgefecht,
Hängt an der Kampfesprobe doch die Meinung.
Denn unser Köstlichstes schmeckt hier der Troer
Mit seinem feinsten Gaum; und glaubt, Ulysses,
Es geht um unser ganzes Ansehn da
Bei diesem tollen Tun; denn der Erfolg,
Obschon des einen Mannes, gibt den Ausschlag
Dem allgemeinen gut und schlimmen Ruf –
Und solcher Index, ob auch kleine Lettern,
Verglichen mit der Bände Folge, zeigt
In Kindsgestalt den Riesenkörper schon
Von dem, was kommen soll. – Man sieht im Streiter,
Der sich dem Hektor stellt, nur unsre Wahl;
Und Wahl, einmütger Einklang alles Urteils,
Leiht Würde dem Erkornen, kocht heraus
Gleichsam von unsrer aller Wert und Kraft
Die Quintessenz des Manns. Mißlingt es dem,
Welch Herz faßt dann der Sieger in dem Kampf,
Die eingebildte Ehre noch zu stählen!
Der Ehrenpunkt belebt dann jedes Werkzeug
Nicht minder kraftvoll, als Geschoß und Schwert
Vom Arm geführt.

ULYSSES
                  Verzeihung meinem Wort.
Drum muß Achilles nicht mit Hektor kämpfen.
Zeigt wie ein Krämer erst die schlechtste Ware,
Vielleicht bringt Ihr sie an; geläng es nicht,
Dann wird der Glanz der bessern Euch erhöht,
Zeigt Ihr die schlechte erst. Drum gebt nicht zu,
daß Hektor und Achill zusammen fechten;
Sonst folgen unsrer Schmach wie unserm Ruhm
Zwei höchst verderbliche Gefährten nach.

NESTOR
Mein altes Auge sieht sie nicht; wer sind sie?

ULYSSES
Der Ruhm, den sich Achill erringt vom Hektor,
War er nicht stolz, wir alle teilten ihn;
Doch allzu übermutig ward er schon,
Und lieber möcht uns Libyens Sonne dörren,
Als seiner Augen Stolz und bittrer Hohn,
Besiegt ihn Hektor nicht. Und wich er ihm,
Zerstörten wir den allgemeinen Glauben
Durch unsres Helden Schmach. Nein, losen wir
Und lenkens klug, daß Tölpel Ajax ziehe
Das Blatt zum Kampf mit Hektor. Unter uns
Rühm Euer Zeugnis ihn als besten Krieger;
Das wird Arznei dem großen Myrmidonen,
Der auf die Volksgunst pocht; dann sinkt sein Kamm,
Der stolz sich wie der Regenbogen bäumt.
Kommt der schwerköpfge Ajax heil davon,
Erhebt ihn unser Lob, und schlägts ihm fehl,
Dann bleibt doch stets die Meinung unverletzt,
Daß wir noch beßre haben. Wie's auch fällt,
Des Plans geheime Absicht muß gelingen:
Ajax, erwählt, rupft dem Achill die Schwingen.

NESTOR
                                                  Ulysses,
Jetzt fängt dein Vorschlag an, mir einzuleuchten;
Und ungesäumt soll Agamemnon gleichfalls
Ihn kosten. – Gehn wir in sein Zelt sofort!
Hier zähm ein Hund den andern: Stolz allein
Muß dieser Bullenbeißer Knochen sein.
Sie gehn ab.






ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

Das griechische Lager


Ajax und Thersites treten auf.

AJAX
Thersites!

THERSITES
Agamemnon – wie, wenn er Beulen hätte? Vollauf, über und über, allenthalben –

AJAX
Thersites!

THERSITES
– und die Beulen liefen; gesetzt, so wärs: liefe dann nicht der ganze Feldherr? – Wäre das nicht eine offne Eiterbeule?

AJAX
Hund!

THERSITES
Auf die Art käme doch etwas Materielles aus ihm; jetzt seh ich gar nichts.

AJAX
Du Brut einer Wolfspetze, kannst du nicht hören? So fühle denn!
Schlägt ihn.

THERSITES
Daß dich die griechische Pestilenz, du köterhafter, kuhdummer Lord!

AJAX
Sprich denn, du abgestandner Klumpen Sauerteig, sprich! Ich will dich zu einer hübschen Figur prügeln!

THERSITES
Ich könnte dich leichter zu einem Witzigen und Gottesfürchtigen lästern; aber dein Hengst hält eher eine Rede aus dem Kopf, als du ein Gebet auswendig sprichst. Du kannst schlagen, nicht? Das kannst du? Die Pferdeseuche über deine Gaulmanieren!

AJAX
Giftpilz! Erzähle mir, was hat man ausgerufen?

THERSITES
Denkst du, ich sei fühllos, daß du mich so schlägst?

AJAX
Was hat man ausgerufen?

THERSITES
Man hat dich als Narren ausgerufen, denk ich.

AJAX
Nimm dich in acht, Stachelschwein, nimm dich in acht! Meine Finger jucken!

THERSITES
Ich wollte, es juckte dich vom Kopf zu den Füßen, und ich müßte dich kratzen; ich wollte dich zum schäbigsten Scheusal in Griechenland machen. Wenn du dich einmal bei einem Ausfall voranwagst, schlägst du so schläfrig wie ein andrer.

AJAX
Ich frage, was hat man ausgerufen?

THERSITES
Jede Stunde brummst und grollst du auf den Achilles und bist neidisch auf seine Größe wie Zerberus auf Proserpinens Schönheit; ja, du bellst ihn an!

AJAX
Frau Thersites!

THERSITES
Den solltest du schlagen!

AJAX
Fladen!

THERSITES
Der würde dich mit seiner Faust zu Krümchen quetschen, wie ein Matrose seinen Zwieback!

AJAX
Du verdammter Köter!
Schlägt ihn.

THERSITES
So recht!

AJAX
Du Hexenstuhl!

THERSITES
Recht, recht so, du grützköpfiger Lord! Du hast nicht mehr Hirn als ich im Ellbogen; ein Packesel kann dein Zuchtmeister sein, du schäbiger, tapfrer Esel! Du bist hieher geschickt, um auf die Trojaner zu dreschen, und unter Leuten von einigem Witz bist du verraten und verkauft wie ein afrikanischer Sklav! Wenn du dich darauf legst, mich zu schlagen, will ich bei deiner Ferse anfangen und dir Zoll für Zoll sagen, was du bist, du Klotz ohne Eingeweide!

AJAX
Hund!

THERSITES
Schäbiger Lord!

AJAX
Köter!
Schlägt ihn.

THERSITES
Mars' dummer Tölpel! – Nur zu, Grobian; nur zu, Kamel; immer zu!
Achilles und Patroklus treten auf.

ACHILLES
Was gibt es, Ajax? Warum tut Ihr das?
Was gibts, Thersites? Wovon ist die Rede?

THERSITES
Ihr seht ihn da, nicht wahr?

ACHILLES
                               Nun ja, was gibts?

THERSITES
Nein, seht ihn an!

ACHILLES
                      Das tu ich ja; was ist denn?

THERSITES
Nein, seht ihn Euch recht an!

ACHILLES
                                Nun ja, das tu ich.

THERSITES
Und doch seht Ihr ihn nicht recht an; denn wofür
Ihr ihn immer halten mögt, er ist Ajax.

ACHILLES
Ich kenn ihn ja, du Narr!

THERSITES
Ja, aber der Narr kennt sich selbst nicht!

AJAX
Darum prügle ich dich.

THERSITES
Oho, oho! Welch kleine Dosen Witz er von sich gibt! Seine Ausfälle haben Ohren so lang. Ich habe mehr sein Gehirn, als er meine Knochen zerschlagen. Neun Spatzen kann ich für einen Heller kaufen, und seine pia mater ist nicht so viel wert als der neunte Teil eines Spatzen. Dieser Lord, Achilles – der Ajax, der seinen Verstand im Bauch trägt und seine Kaldaunen im Kopf – ich will Euch sagen, was ich von ihm denke.

ACHILLES
Was?

THERSITES
Ich sag, dieser Ajax –
Ajax will Thersites schlagen; [Achilles tritt zwischen sie. ]

ACHILLES
Laßt doch, guter Ajax! –

THERSITES
– hat nicht so viel Verstand –

ACHILLES
Nein, so muß ich Euch zurückhalten!

THERSITES
– daß er das Öhr von Helenas Nadel füllen könnte, für die er zu fechten herkam.

ACHILLES
Halt Friede, Narr!

THERSITES
Ich hielte gern Friede und Ruhe, aber der Narr will nichts, seht nur, dieser da, der dort!

AJAX
Ei du schändlicher Hund, ich will –

ACHILLES
Wollt Ihr Euern Witz gegen den eines Narren setzen?

THERSITES
Nein, gewiß nicht, denn des Narren Verstand würde ihn zuschanden machen.

PATROKLUS
Gib dich zur Ruhe, Thersites!

ACHILLES
Worüber zankt Ihr?

AJAX
Ich hieß dem garstigen Schuhu, sich nach dem Inhalt des Aufrufs erkundigen, und da schimpft er auf mich los.

THERSITES
Ich bin dein Diener nicht.

AJAX
Seht nur! Seht nur!

THERSITES
Ich diene hier freiwillig.

ACHILLES
Euer letztes Dienen war leidend, es war nicht freiwillig; niemand läßt sich freiwillig schlagen; Ajax war hier der Freiwillige, und Ihr wurdet zum Dienst gepreßt.

THERSITES
Meint Ihr? Euch steckt auch der Verstand größtenteils in den Sehnen, oder die Welt lügt. Hektor wird einen rechten Fang tun, wenn er einem von Euch das Gehirn ausschlägt; ebensogut möchte er eine taube Nuß ohne Kern aufknacken.

ACHILLES
Fängst du auch mit mir an, Thersites?

THERSITES
Da sind Ulysses und der alte Nestor, dessen Witz schon schimmlig war, ehe Euer Großvater Nägel auf den Zehen hatte; die jochen Euch wie ein Gespann Ochsen zusammen, daß Ihr den Krieg umpflügen müßt.

ACHILLES
Was? Was?

THERSITES
Ja, meiner Treu! Hott, Achilles! Ho, Ajax!

AJAX
Ich reiße dir die Zunge aus!

THERSITES
Das macht nichts, ich werde hernach noch ebenso beredt sein wie du.

PATROKLUS
Kein Wort mehr, Thersites; halt Frieden!

THERSITES
Ich muß Frieden halten, wenns Achills Troddel verlangt, nicht wahr?

ACHILLES
Das war für dich, Patroklus!

THERSITES
Ich will Euch gehängt sehn wie dumme Teufel, ehe ich je wieder in Euer Zelt komme; ich werde mich zu Leuten halten, die ihre fünf Sinne haben, und die Zunft der Narren verlassen.
Geht ab.

PATROKLUS
Glück auf den Weg!

ACHILLES
Nun wißt: Durchs ganze Lager ward verkündigt,
Daß Hektor morgen um die fünfte Stunde,
Inmitten unsrer Zelt und Trojas Mauern,
Wird einen Ritter fordern zum Gefecht,
Der Lust hat, einen Gang zu tun; weshalb,
Das weiß ich nicht: 's ist Lumperei! – Lebt wohl!

AJAX
Lebt wohl! Wer wird sich stellen?

ACHILLES
Ich weiß nicht: Lose solln entscheiden: sonst
Fänd er wohl seinen Mann.

AJAX
Aha! Euch selbst? – Ich muß mehr davon hören!
Sie gehn ab.




ZWEITE SZENE

Troja. Priams Palast


Es treten auf Priamus, Hektor, Troilus, Paris und Helenus.

PRIAMUS
Nachdem viel Stunden, Wort' und Leben schwanden,
Spricht nochmals Griechenland durch Nestor dies:
Gebt Helena, und jeder andre Schaden,
Als Ehre, Zeitverlust, Aufwand und Müh,
Blut, Freund' und was noch Teures sonst verschlang
Des nimmersatten Krieges heiße Gier,
Sei abgetan. – Hektor, wie dünkt es dich?

HEKTOR
Scheut niemand auch die Griechen weniger
Als ich, was mich allein betrifft; dennoch,
Erhabner Priamus,
Gabs nie ein Weib von zärtlicherm Gefühl,
Empfänglicher dem Sinn der Furcht, geneigter
Zum bangen Ruf: »Wer weiß, was draus entsteht?«
Als Hektor. Sicherheit macht Frieden krank,
Zu sichre Sicherheit; doch weiser Zweifel
Wird Klugen Leuchte, wird dem Arzte Sonde,
Der Wunde Grund zu prüfen. Geh denn Helena!
Seitdem für sie der erste Schwertstreich fiel,
War jede zehnte Seel aus tausend Zehnten
In unserm Volk so teur als Helena,
Verloren wir so manches Zehnt der Unsern,
Für eine, die uns fremd, für uns nicht wert,
Wenn sie die Unsre war, ein Zehnteil nur.
Was für vernünftger Grund denn, der uns hindert,
Sie auszuliefern?

TROILUS
                   Nein, o nein, mein Bruder!
Wagst du die Ehr und Würde eines Königs
Wie unsers hohen Vaters nach dem Maß
Gemeiner Unzen? Willst mit Pfenngen zählen
Seiner Unendlichkeit maßlosen Wert?
Ein unabsehbar weit Gebiet umzirken
Mit Zoll und Spanne so geringer Art,
Wie Fürchten und Vernunft? O pfui der Schmach!

HELENUS
Kein Wunder, wenn Vernunft du schiltst, der selbst
Vernunft entbehrt. Soll unser Vater nicht
Sein großes Herrscheramt baun auf Vernunft,
Weil unvernünftig deine Rede war?

TROILUS
Du bist für Träum und Schlummer, Bruder Priester,
Und fütterst deine Handschuh mit Vernunft!
Dies sind nun deine Gründe:
Du weißt, ein Feind sinnt drauf, dir weh zu tun,
Du weißt, gezückte Schwerter drohn Gefahr,
Und die Vernunft flieht das, was Schaden bringt;
Was Wunder denn, wenn Helenus gewahrt
Den Griechen und sein Schwert, daß er selbst Flügel
Tiefer Vernunft sich an die Fersen bindet
Und wie Merkur, wenn Zeus ihn schilt, entflieht,
Schnell wie ein Sternschuß? Predigen wir Vernunft,
So schließt die Tor und schlaft! Mannheit und Ehre,
Wenn sie mit Gründen nur sich mästeten,
Gewännen Hasenherz; Vernunft und Sinnen
Macht Lebern bleich und Jugendkraft zerrinnen.

HEKTOR
Bruder, sie ist nicht wert, was sie uns kostet,
Sie hier zu halten.

TROILUS
Was hat wohl andern Wert, als wir es schätzen?

HEKTOR
Doch nicht des einzeln Willkür gibt den Wert;
Er hat Gehalt und Würdigkeit sowohl
In eigentümlich innrer Kostbarkeit
Als in dem Schätzer. Wahn und Tollheit ists,
Den Dienst zu machen größer als den Gott!
Und töricht schwärmt der Wille, der sich neigt
Zu dem, was seine Liebe fälschlich adelt,
Wenn innrer Wert dem Scheinverdienst gebricht.

TROILUS
Ich nehme heut ein Weib, und meine Wahl
Hängt von der Leitung meines Willens ab;
Mein Wille ward entflammt durch Aug und Ohr,
Zwei wackre Lotsen durch die schroffen Klippen
Von Trieb und Urteil. Sollt ich denn verstoßen,
Wenn einst dem Willen meine Wahl mißfiele,
Das Weib, das ich erkor! – Da ist kein Ausweg,
Kein Wanken gilt, wenn Ehre soll bestehn.
Wir senden nicht die Seide heim dem Kaufmann,
Die wir verderbt, noch werfen wir verächtlich
Übriggebliebne Speisen in den Abfall,
Weil wir nun satt. Man hielt es wohlgetan,
Daß Paris Rache nehm am Griechenvolk;
Einmütger Beifall schwellt' ihm seine Segel;
Die alten Kämpfer, Meer und Wind, sie ruhten,
Ihm beizustehn; den Port erreicht' er schnell,
Und statt der alten Base, dort gefangen,
Bracht er 'ne griechische Fürstin, deren Frische
Apollo runzlicht, welk den Morgen macht.
Mit welchem Fug? Die Griechen halten jene!
Und ist sie's wert? Ha, eine Perle ist sie,
Die mehr denn tausend Schiffe jagt' ins Meer
Und Kaufherrn schuf aus Königen.
Gesteht ihr ein, recht wars, daß Paris ging
– Ihr müßt; denn alles rief: Zieh hin, zieh hin! –,
Bekennt ihr, daß ein Kleinod seine Beute
– Ihr müßt, denn alle schlugt ihr in die Hände
Und rieft: unschätzbar! –, warum schmäht ihr nun
Den Ausgang eures eignen weisen Plans
Und tut, was selbst Fortuna nicht getan,
Entwürdgend, was ihr reicher habt geschätzt
Als Land und Meer? Dann pfui dem schnöden Raub!
Wir stahlen, was wir fürchten zu behalten,
Als Dieb', unwert des so gestohlnen Guts;
Was wir vergeltend raubten ihrem Strand,
Scheun wir zu schützen in der Heimat Land!

KASSANDRA
draußen.
Weint, Troer, weint!

PRIAMUS
                      Welch Laut? Welch Schrein ist das?

TROILUS
Die tolle Schwester; ihre Stimm erkenn ich.

KASSANDRA
draußen.
Weint, Troer!

HEKTOR
               's ist Kassandra!
Kassandra kommt, in Verzückung [mit fliegenden Haaren ].

KASSANDRA
Weint, Troer, weint! Leiht mir zehntausend Augen,
Und alle füll ich mit prophetschen Tränen!

HEKTOR
Still, Schwester, still! –

KASSANDRA
Jungfraun und Knaben, Männer, schwache Greise,
Unmündge Kindheit, die nichts kann als weinen,
Verstärkt mein Wehgeschrei! Und zahlt voraus
Die Hälfte all des Jammers, der uns nah!
Weint, Troer, weint! Gewöhnt eur Aug an Tränen!
Troja vergeht, das schöne Ilium sinkt!
Paris, der Feuerbrand, verzehrt uns alle.
Weint, weint! O Helena, du Weh der Wehen!
Weint! Troja brennt! Verbannt sie, heißt sie gehen!
Geht ab.

HEKTOR
Nun, junger Troilus, weckt dies grause Lied
Der prophezeinden Schwester kein Gefühl
Der Reu im Herzen? Oder ist dein Blut
So toll erhitzt, daß Überlegung nicht,
Noch Furcht vor schlechtem Ausgang schlechter Sache
Die Glut dir mäßgen kann?

TROILUS
                          Ei, Bruder Hektor,
Wir dürfen nicht die Güte jeder Tat
Ermessen nach dem Ausgang des Erfolgs,
Noch unsre Herzen gleich entmutgen, weil
Kassandra rast. Ihr hirnverrücktes Toben
Verbittre nicht die Lust an einem Streit,
Dem unser aller Ehre sich verpfändet
Als wohlgeziemend. Mir für meinen Anteil
Gilt er nicht mehr als jedem Sohn des Priam;
Und Zeus verhüte, daß wir etwas täten,
Verföchten, drauf beharrten, was auch nur
Rechtmäßgen Grund zum kleinsten Tadel gäbe.

PARIS
Sonst dürfte wohl die Welt des Leichtsinns zeihn
Mein Unternehmen so wie euern Rat.
Doch, bei den Göttern, eur vollkommner Beifall
Gab Flügel meinem Wunsch und schnitt ganz weg
Jeglich Bedenken vor so kühner Tat.
Denn was vermag allein mein schwacher Arm?
Was nützt die Kühnheit eines Manns im Kampf,
All derer Stoß und Feindschaft zu bestehn,
Die solche Fehd erweckte? Dennoch schwör ich,
Müßt ich allein den schweren Kampf versuchen
Und käme nur die Macht dem Willen gleich,
Nie widerriefe Paris, was er tat,
Noch wankt' er im Verfolg.

PRIAMUS
                            Paris, du sprichst
Wie einer, dem von süßen Lüften schwindelt.
Du hast den Honig stets, die Galle sie;
So tapfer sein verdiente Ruhm noch nie.

PARIS
Ich trachte nicht allein den Freuden nach,
Die solche Schönheit ihrem Eigner bringt;
Des holden Raubes Vorwurf wünscht ich auch
Getilgt, indem wir ehrenvoll sie wahren.
Welch ein Verrat an der entführten Herrin,
Schmach euerm hohen Ruhm und Schande mir,
Nun aufzugeben solch ein Eigentum
Nach abgezwungenem Vergleich? Wärs möglich,
Daß so entartete Gesinnung je
Den Eingang fänd in eure edlen Herzen?
Auch dem Geringsten nicht in unserm Volk
Fehlt Mut, zu wagen und das Schwert zu ziehn
Für Helena; und kein so Edler ist,
Des Leben wär zu teur, des Tod unrühmlich,
Ist Helena der Preis. Deshalb beteur ich,
Wohl ziemt es sich, im Kampfe nicht zu weichen
Für die, der auf der Welt nichts zu vergleichen!

HEKTOR
Paris und Troilus, beide spracht ihr gut
Und habt erörtert Frag und Stand des Streits,
Doch oberflächlich – nicht ungleich der Jugend,
Die Aristoteles unfähig hielt
Zum Studium der Moralphilosophie.
Die Gründe, die ihr vortragt, leiten mehr
Zu heißer Leidenschaft des wilden Bluts,
Als die Entscheidung frei und klar zu schlichten,
Was Recht und Unrecht. Denn die Rach und Wollust
Sind tauber als der Ottern Ohr dem Ruf
Wahrhaften Urteils! Die Natur verlangt
Erstattung jedes Guts dem Eigner; nun,
Wo wär in aller Menschheit näheres Anrecht,
Als zwischen Mann und Ehfrau? Wird ein solches
Naturgesetz verletzt durch Leidenschaft
Und große Geister, dem betäubten Willen
Zu leicht sich fügend, widerstreben ihm,
So gibts in jedem Volksrecht ein Gesetz
Als Zügel solcher wütenden Begierden,
Die in Empörung alle Schranken brechen.
Ist Helena des Sparterkönigs Weib
– Wie sie's denn ist –, so ruft Moralgesetz
Des Staats wie der Natur mit lauter Stimme,
Sie ihm zurückzusenden. Fest beharren
Im Unrechttun, vermindert Unrecht nicht,
Nein, macht es schwerer. Dies ist Hektors Meinung,
Wenn er das Recht erwägt. Gleichwohl indes,
Ihr feurgen Brüder, neig ich mich zu euch
In dem Entschluß, nicht Helena zu lassen.
Denn wichtgen Einfluß hat des Streits Entscheidung
Auf aller so wie jedes einzein' Ruhm.

TROILUS
Ja, das ist unsres Trachtens Kraft und Inhalt.
Wärs nicht die Ehre, die uns mehr entflammt,
Als unserm schwellnden Groll genugzutun,
Nicht einen Tropfen Troerblut mehr wollt ich
Für sie vergeudet sehn. Doch, tapfrer Hektor,
Sie ist ein Gegenstand für Ehr und Ruhm,
Ein Sporn zu tapfrer, hochbeherzter Tat,
Gibt jetzt uns Mut, die Feinde zu vernichten,
Und für die Zukunft Preis, der uns verklärt.
Denn, weiß ich doch, Held Hektor gäbe nicht
So reichen Vorteil der verheißnen Glorie,
Wie sie auf dieses Kampfes Stirn uns lächelt,
Für alles Gold der Welt.

HEKTOR
                          Wohl hast du recht,
Du tapfrer Sproß des großen Priamus.
Ich sandte schon aufreizend Fehdewort
Den trägen und entzweiten Griechenfürsten,
Das ihre Schlummergeister wecken wird.
Wie ich vernommen, schläft ihr bester Held;
Neid und Parteiung schleichen durch das Feld:
Dies, hoff ich, regt ihn auf.
Sie gehn ab.




DRITTE SZENE

Das griechische Lager . Vor dem Zelt des Achilles


Thersites tritt auf , allein.

THERSITES
Wie nun, Thersites? Ganz verloren im Labyrinth deines Grimms? Solls der Elefant Ajax so davontragen? Er schlägt mich, und ich schimpfe auf ihn: o schöne Genugtuung! Ich wollte, es stände umgekehrt, und ich könnte ihn schlagen, während er auf mich schimpft! – Blitz, ich will Teutel bannen und beschwören lernen, damit ich doch irgendeine Frucht meiner zornigen Verwünschungen sehe. – Dann, dieser Achilles! Der ist mir ein trefflicher Ingenieur! Wenn Troja nicht eher genommen wird, bis diese beiden es untergraben, so mögen die Mauern stehn, bis sie von selbst einfallen. O du großer Donnerschleudrer vom Olymp, vergiß, daß du Jupiter, der Götterkönig, bist; und du, Merkur, verlier alle Schlangenkunst deines Stabes, wenn ihr ihnen nicht das kleine, kleine, weniger als kleine Körnchen Verstand nehmt, das sie haben, von dem die kurzarmige Dummheit selbst einsieht, es sei so übermäßig winzig, daß es nicht so viel Umsicht haben wird, eine Fliege vor einer Spinne zu retten, ohne das plumpe Schlachtschwert zu ziehn und das Gewebe zu durchhauen. Hiernächst wünsch ich dem ganzen Lager die Pestilenz oder besser das napolitanische Knochenweh; denn der Fluch, dünkt mich, sollte denen folgen, welche um einen Unterrock Krieg führen. Das ist mein Gebet, und der Teufel Bosheit spreche das Amen. Heda! Holla! Fürst Achilles!
Patroklus tritt auf.

PATROKLUS
Wer da, Thersites? Lieber Thersites, komm herein und schimpfe!

THERSITES
Hätt ich nur an eine falsche Goldmünze gedacht, du wärst meiner frommen Betrachtung nicht entschlüpft; aber es macht nichts. Dich selbst wünsche ich dir an den Hals! Der allgemeine Fluch der Menschen, Torheit und Unwissenheit, sei dein in reichlicher Fülle! Der Himmel behüte dich vor einem Hofmeister, und gute Zucht komme dir nicht nah! Dein Blut regiere dich bis an deinen Tod! Wenn dich dann die Leichenfrau eine schöne Leiche nennt, so schwöre ich meinen besten Eid, sie hat nie andre als Aussätzige eingekleidet. Amen! – Wo ist Achilles?

PATROKLUS
Was? Gehörst du zu den Frommen? Sprachst du ein Gebet?

THERSITES
Ja; der Himmel erhöre mich!

PATROKLUS
Amen.

Achilles tritt auf.

ACHILLES
Wer ist da?

PATROKLUS
Thersites, Herr.

ACHILLES
Wo, wo? Bist du da? Ei, mein Käse, mein Verdauungspulver, warum hast du dich seit so mancher Mahlzeit nicht bei mir aufgetischt? Sag an, was ist Agamemnon?

THERSITES
Dein Oberherr, Achilles. Nun sage mir, Patroklus, was ist Achilles?

PATROKLUS
Dein Gebieter, Thersites. Nun sage mir, was bist du selbst?

THERSITES
Dein Kenner, Patroklus. Nun sage mir, Patroklus, was bist du?

PATROKLUS
Das mußt du, der mich kennt, am besten wissen.

ACHILLES
O sag doch, sag doch!

THERSITES
Ich will die ganze Frage noch einmal durchgehn. – Agamemnon befiehlt dem Achilles, Achilles ist mein Gebieter, ich bin Patroklus' Kenner, und Patroklus ist ein Narr!

PATROKLUS
Du Schuft!

THERSITES
Still, Narr, ich bin noch nicht fertig.

ACHILLES
Er hat das Privilegium. Nur weiter, Thersites!

THERSITES
Agamemnon ist ein Narr, Achilles ist ein Narr, Thesites ist ein Narr und, wie schon gesagt, Patroklus ist ein Narr,

ACHILLES
Beweise das. Nun?

THERSITES
Agamemnon ist ein Narr, weil er dem Achilles befehlen will; Achilles ist ein Narr, weil er sich vom Agamemnon befehlen läßt; Thersites ist ein Narr, weil er einem solchen Narren dient, und Patroklus ist ein Narr schlechthin.

PATROKLUS
Warum bin ich ein Narr?

THERSITES
Die Frage tue deinem Schöpfer, mir ists genug, daß du's bist. Seht, wer hier kommt?
[Es treten auf Agamemnon, Ulysses, Nestor, Ajax und Diomedes. ]

ACHILLES
Patroklus, ich will mit niemand reden. Komm mit mir herein, Thersites!
Geht ab.

THERSITES
O all die Lumpigkeit, all die Gaukelei, all die Nichtswürdigkeit! Die ganze Geschichte dreht sich um einen Hahnrei und eine Hure; ein hübscher Gegenstand, um Parteiung und Ehrgeiz aufzuhetzen und sich daran zu Tode zu bluten! Daß doch der Aussatz das Gesindel fräße und Krieg und Liederlichkeit alle zusammen verdürbe!
Geht ab.
Es treten auf Agamemnon, Ulysses, Nestor, Diomedes, Ajax und Kalchas.

AGAMEMNON
Wo ist Achilles?

PATROKLUS
In seinem Zelt; doch nicht wohlauf, mein Fürst.

AGAMEMNON
Tut ihm zu wissen, ich sei selber hier.
Er höhnte Unsre Boten, und Wir tun
Verzicht auf Unsre Würde, ihn besuchend.
Dies zeigt ihm an; daß er nicht etwa glaube,
Wir sein im Zweifel über Unseren Rang,
Uns selbst verkennend.

PATROKLUS
                         Also sag ichs ihm.
Geht ab.

ULYSSES
Wir sahn ihn wohl am Eingang seines Zelts,
Er ist nicht krank.

AJAX
Ja doch, löwenkrank; krank an einem stolzen Herzen. Ihr mögts Melancholie nennen, wenn Ihr höflich von dem Manne reden wollt; aber, bei meinem Haupt, 's ist Stolz. Nur, auf was, auf was? Er soll uns einmal einen Grund angeben! Ein Wort, mein Fürst!
Nimmt Agamemnon auf die Seite.

NESTOR
Was hat Ajax, daß er so gegen ihn bellt?

ULYSSES
Achilles hat ihm seinen Narren abspenstig gemacht.

NESTOR
Wen? Thersites?

ULYSSES
Eben den.

NESTOR
Dann wirds dem Ajax an Stoff fehlen, wenn er sein Thema verloren hat.

ULYSSES
Nein, Ihr seht, der ist sein Thema, der sein Thema hat: Achilles.

NESTOR
Das kann nicht schaden; sie sind besser zerschellt als gesellt. Aber das war ein starkes Bündnis, das ein Narr trennen konnte!

ULYSSES
Die Freundschaft, welche Weisheit nicht knüpfte, kann Torheit leicht auflösen.
Patroklus kommt zurück.
Hier kommt Patroklus.
[Patroklus kommt zurück. ]

NESTOR
Kein Achilles mit ihm.

ULYSSES
Der Elefant hat Gelenke, aber keine für die Höflichkeit; seine Beine sind Beine fürs Bedürfnis, nicht für die Verbeugung.

PATROKLUS
Achill heißt mich Euch sagen, er bedaure,
Wenn etwas sonst als Eure Lust und Kurzweil
Eur Gnaden jetzt nebst Euren edlen Freunden
Zu ihm geführt; er hofft, es sei allein
Für Eur Verdaun und der Gesundheit wegen,
Ein Gang nach Eurer Mahlzeit.

AGAMEMNON
                               Hört, Patroklus,
Wir kennen dies Erwidern nur zu gut.
Doch dieser Vorwand, so mit Hohn beschwingt,
Kann doch nicht Unsrer Wahrnehmung entfliegen.
Manch seltnen Wert besitzt er, mancher Grund
Heißt Uns dies eingestehn; doch seine Tugend,
Nicht tugendlich verwendet seinerseits,
Verlor in Unsern Augen fast den Glanz,
Ja, gleich der Würz in ungesunder Speise,
Verdirbt wohl ungekostet. Meldet ihm,
Wir kommen, ihn zu sehn. Ihr sündigt nicht,
Wenn Ihr ihm sagt, er dünk Uns mehr als stolz
Und minder als gesittet: viel größer noch
In eignem Hochmut als nach echter Schätzung.
Manch Beßrer krümmt sich hier der spröden Wildheit,
In die er sich verlarvt,
Entäußert sich der heilgen Herrschermacht
Und räumt ihm ein, nachsichtig und aus Schonung,
Den Vorrang seiner Laune, ja, bewacht
Sein kindisch Wechsein, seine Ebb und Flut,
Als ob der Laut und Fortgang dieses Kriegs
Mit seiner Wittrung schiffte. Sagt ihm dies;
Sagt noch, daß, wenn er so sich überschätzt,
Wir ihn verschmähn; dann lieg er wie ein Rüstzeug,
Zu dem man spricht, weils zum Gebrauch zu schwer:
Bewegung her, dies kann nicht in den Krieg!
Und daß wir vorziehn einen rührgen Zwerg
Dem Riesen, welcher schläft. Dies alles sagt ihm!

PATROKLUS
Ich tu's und bring Euch Antwort unverzüglich.
Geht ab.

AGAMEMNON
Antwort durch fremden Mund genügt uns nicht;
Er komme selbst. – Geht Ihr, Ulyß, zu ihm!
Ulysses geht ab.

AJAX
Was ist er mehr als andre?

AGAMEMNON
Nicht mehr, als was er selbst zu sein wähnt.

AJAX
So viel? Und glaubt Ihr nicht, daß er sich ein beßrer Mann dünkt als ich?

AGAMEMNON
Das ist kein Zweifel.

AJAX
Und teilt Ihr diesen Dünkel? Bejaht Ihrs?

AGAMEMNON
Nein, edler Ajax; Ihr seid ebenso stark, so tapfer, so klug, so edel und viel gesitteter.

AJAX
Warum sollte ein Mensch stolz sein? Wo kommt der Stolz her? Ich weiß nicht, was Stolz ist!

AGAMEMNON
Eur Gemüt ist um so reiner, Ajax, und Eure Tugenden um so leuchtender. Wer stolz ist, verzehrt sich selbst; Stolz ist sein eigner Spiegel; seine eigne Trompete, seine eigne Chronik; und wer sich selbst preist, außer durch die Tat, vernichtet die Tat im Preise.
Ulysses kommt zurück.

AJAX
Ich hasse einen stolzen Mann, wie ich das Brüten der Kröten hasse.

NESTOR
beiseit.
Und liebst dich doch selber; ist das nicht seltsam?
[Ulysses kommt zurück. ]

ULYSSES
Achill will morgen nicht im Feld erscheinen.

AGAMEMNON
Womit entschuldigt ers?

ULYSSES
                         Den Grund verschweigt er;
Dem Strome seiner Stimmung folgt er nach
Und weigert jedem Ehrfurcht und Gehorsam
In selbstisch eigenwilliger Verstocktheit.

AGAMEMNON
Warum nicht kommt er, freundlich doch ersucht,
Aus seinem Zelt und teilt die Luft mit uns?

ULYSSES
Ein Stäubchen, die Verhandlung zu erschweren,
Macht er zum Berg; er ist an Größe krank;
Ja, mit sich selbst nur redend, schnaubt sein Hochmut,
Und ihm versagt der Atem. Eigendünkel
Erregt sein Blut durch so erhitzten Schwulst,
Daß, wie des Leibs und Geistes Kräfte kämpfen,
Sein Reich des Lebens in Empörung wütet
Und den Achilles niederstürzt. Was noch?
So pestkrank ist sein Stolz, daß jede Beule
Ruft: Keine Rettung!

AGAMEMNON
                      Ajax geh zu ihm! –
Mein teurer Fürst, geht Ihr hinein und grüßt ihn;
Man sagt, er schätz Euch sehr und kommt vielleicht
Ein wenig zu sich selbst, von Euch ermahnt.

ULYSSES
O Agamemnon, dies geschehe nicht!
Es soll des Ajax Schritt gesegnet sein,
Der weggeht vom Achill. Soll jener Stolze,
Der seinen Trotz mit eignem Fett beträuft
Und nichts, was nur geschehn ist, je gewürdigt
Der Überlegung – wenns ihn selber nicht
Anregt' und traf –, soll dem gehuldigt werden
Von ihm, der unser Abgott mehr als er?
Nein, dieser dreimal würdge, tapfre Fürst
Soll nicht so schmähn den wohlerrungnen Lorbeer,
Noch sich mit meinem Willn so weit erniedern
– Er, ganz so hochberühmt als selbst Achill –,
Jetzt zum Achill zu gehn.
Das hieße spicken Stolz, der schon zu feist,
Und Feuer dem Krebs zutragen, wenn er flammt
In des Hyperion strahlendem Geleit.
Der Fürst vor ihm erscheinen? Zeus verhüt es
Und spreche donnernd: Geh, Achill, zu diesem! –

NESTOR
beiseit.
O das ist recht; er kratzt ihn, wo's ihn juckt.

DIOMEDES
beiseit.
Und wie sein Schweigen diesen Beifall trinkt!

AJAX
Geh ich zu ihm, dann mit der Eisenfaust
Schlag ich ihm ins Gesicht.

AGAMEMNON
                             Ihr sollt nicht gehn!

AJAX
Und tut er stolz, so zwiebl ich seinen Stolz; Laßt mich nur hin!

ULYSSES
Nicht um den ganzen Kampfpreis unsres Kriegs!

AJAX
Der schuftige, freche Bursch!

NESTOR
beiseit.
Wie er sich selber schildert!

AJAX
Kann er nicht umgänglich sein?

ULYSSES
beiseit.
Der Rabe schilt auf die Schwärze!

AJAX
Ich will seinen Launen zur Ader lassen!

AGAMEMNON
beiseit.
Der will der Arzt sein, der der Kranke sein sollte.

AJAX
Dächten nur alle so wie ich –

ULYSSES
beiseit.
Dann käme Witz aus der Mode.

AJAX
– dann ginge es ihm so nicht durch; er mußte erst Klingen kosten. Solls der Hochmut davontragen?

NESTOR
beiseit.
Wenn das geschieht, fällt dir die Hälfte zu.

ULYSSES
beiseit.
Zehn Teile wären sein.

AJAX
Ich will ihn kneten, will ihn geschmeidig machen.

NESTOR
beiseit.
Er ist noch nicht heiß genug; stopft ihn mit Lob, füllt nach, füllt nach, sein Hochmut ist noch trocken.

ULYSSES
zu Agamemnon.
Mein Fürst, Ihr nehmt Euch den Verdruß zu nah.

NESTOR
Erhabner Feldherr, tut es nicht!

DIOMEDES
Zu dem Gefecht kommt sicher nicht Achilles.

ULYSSES
Ihn nennen hören, muß den Mann schon kränken.
Hier ist ein Held – doch, weil er gegenwärtig,
So schweig ich lieber.

NESTOR
                        Warum wollt Ihr das?
Er ist nicht wie Achill von Ehrgeiz krank.

ULYSSES
Sei's kund der ganzen Welt: Gleich tapfer ist er.

AJAX
Ein niederträchtiger Hund, der uns verhöhnt!
War er ein Troer!

NESTOR
                   Welch ein Fleck am Ajax –

ULYSSES
Erschien er stolz –

DIOMEDES
                     Wär er auf Ruhm erpicht –

ULYSSES
Zanksüchtig –

DIOMEDES
               Selbstisch oder eigenwillig!

ULYSSES
Ihr seid gottlob von sanfter Art, mein Fürst;
Preis ihm, der dich gezeugt, ihr, die dich säugte!
Ruhm deinem Lehrer! Deinem Mutterwitz
Dreimal mehr Ruhm als aller Wissenschaft!
Doch wer im Fechten deinen Arm geübt,
Für den halbiere Mars die Ewigkeit
Und geb ihm eine Hälfte. Gilt es Stärke:
Stierträger Milo weiche dir an Ehre,
Gewaltger Held! Von deiner Weisheit schweig ich,
Die wie ein Hag, ein Zaun, ein Damm umgrenzt
Dein weites Denkgebiet. Hier, seht auf Nestor!
Belehrt durch Alter, muß er weise sein
Und ist es auch; er kann ja anders nicht;
Allein verzeiht, mein Vater: wär Eur Leben
So jung wie Ajax und Eur Haupt wie damals,
Ihr hättet keinen Vorrang, wärt nicht mehr,
Als Ajax ist.

AJAX
               Soll ich Euch Vater nennen?

NESTOR
Ja, guter Sohn!

DIOMEDES
                 Nehmt Rat von ihm, Fürst Ajax!

ULYSSES
Hier gilt kein Zögern, denn der Hirsch Achill
Verläßt den Wald nicht. Unser hoher Feldherr
Berufe jetzt der Obern ganze Schar!
Hülfskönige verstärkten Troja; morgen
Muß für uns bürgen unsre höchste Kraft:
Hier steht der Mann! – Ritter von Ost und Westen,
Kommt, pflückt den Preis: Ajax besiegt den Besten!

AGAMEMNON
Auf denn zum Kriegsrat!
Wenn aus dem Schlaf ich auch Achill nicht rief:
Schnell schwimmt der Kahn, das Orlogschiff geht tief.
Sie gehn ab.






DRITTER AKT

ERSTE SZENE

Troja . Priams Palast


Es treten auf Pandarus und ein Diener; man hört Musik hinter der Szene.

PANDARUS
Freund, Ihr da, bitte Euch, nur ein Wort – folgt Ihr nicht dem jungen Herrn Paris?

DIENER
Ja, Herr, wenn er vor mir geht.

PANDARUS
Ich meine, Ihr dient ihm?

DIENER
Ich diene dem Herrn.

PANDARUS
Dann dient Ihr einem edeln Herrn; ich kann nicht anders als ihn lobpreisen.

DIENER
Der Herr sei gepriesen!

PANDARUS
Ihr kennt mich, nicht wahr?

DIENER
Ei nun, Herr, so obenhin.

PANDARUS
Freund, lernt mich besser kennen: ich bin der Herr Pandarus.

DIENER
Ich hoffe, Eure Herrlichkeit besser kennenzulernen.

PANDARUS
Das wünsche ich.

DIENER
So seid Ihr also im Stande der Gnade?

PANDARUS
Gnade? O nein, Freund; Hochgeboren und Gestrengen sind meine Titel. Was ist das für Musik?

DIENER
Ich kenne sie nur zum Teil; es ist Musik mit verteilten Stimmen.

PANDARUS
Kennt Ihr die Musikanten?

DIENER
Ganz und gar, Herr.

PANDARUS
Für wen spielen sie?

DIENER
Für die Zuhörer, Herr.

PANDARUS
Wem zu Gefallen?

DIENER
Mir, Herr, und allen denen, die gern Musik hören.

PANDARUS
Auf wes Geheiß, frag ich, Freund?

DIENER
Ich denke, Ihr fragt auf niemands Geheiß.

PANDARUS
Freund, wir verstehn einander nicht. Ich bin zu höflich, und Ihr seid zu spitz. Auf wes Verlangen spielen diese Leute?

DIENER
Ja, nun traft Ihrs, Herr. Nun, auf das Verlangen des Prinzen Paris, meines Herrn, welcher selbst dabei ist, und mit ihm die sterbliche Venus, das Herzblut der Schönheit, der Liebe unsichtbare Seele.

PANDARUS
Wer? Meine Nichte Cressida?

DIENER
Nein, Herr, Helena; konntet Ihr das nicht aus ihren Ehrentiteln erraten?

PANDARUS
Ich sehe schon, lieber Freund, du kennst das Fräulein Cressida noch nicht. Ich komme, um mit Paris vom Prinzen Troilus zu sprechen; ich will eine freundliche Bestellung ihn eilend beibringen, denn mein Geschäft ist siedend.

DIENER
Ein gesottnes Geschäft! Das nenn ich eine Phrase für die Schwitzbäder.
Es treten auf Paris und Helena mit Gefolge.

PANDARUS
Alles Schöne für Euch, mein Prinz, und für Eure schöne Umgebung! Schöne Wünsche in schönem Maß begleiten Euch schönstens! Vor allem Euch, schönste Königin! Schöne Träume seien Euer schönes Kopfkissen!

HELENA
Werter Herr, Ihr seid voll von schönen Worten.

PANDARUS
Ihr sprecht Euer schönstes Wohlgefallen aus, holde Königin. Schönster Prinz, hier ist vortreffliche fugierte Musik.

PARIS
Ihr habt sie aus den Fugen gebracht, Vetter; so wahr ich lebe, Ihr sollt sie wiederherstellen: Ihr sollt ein Stück von Eurer Komposition anstücken.

HELENA
Er ist ein Meister in der Harmonie [, Lenchen ].

PANDARUS
Ach nein, Königin!

HELENA
Oh, mein Herr!

PANDARUS
Rauh, bei den Göttern; ja, bei den Göttern, sehr rauh und unmelodisch.

PARIS
In den Dissonanzen; gut gesagt, Vetter!

PANDARUS
Ich habe ein Geschäft mit dem Prinzen, teure Königin Gnädiger Herr, wollt Ihr mir ein Wort vergönnen?

HELENA
Nein, damit sollt Ihr uns das Tor nicht sperren; wir müssen Euch singen hören, ganz gewiß.

PANDARUS
Ihr habt die Gnade, mit mir zu scherzen, süße Königin. Aber die Sache ist die, mein Prinz – mein gnädigster Prinz und höchst geehrter Freund, Euer Bruder Troilus –

HELENA
Herr Pandarus! Mein honigsüßer Pandarus –

PANDARUS
Laßt mich, süße Königin, laßt mich; – empfiehlt sich Euch aufs inständigste –

HELENA
Ihr sollt uns nicht aus unsrer Melodie foppen; wenn Ihrs tut, so komme unsre Melancholie über Euch.

PANDARUS
Süße Königin! Das ist eine süße Königin! Nein, welch süße Königin!

HELENA
Und eine süße Königin traurig machen, ist ein bittrer Frevel.

PANDARUS
Nein, damit setzt Ihrs nicht durch, damit wahrhaftig nicht! Nein, solche Worte machen mich nicht irre, nein, nein! – Und, mein gnädiger Prinz, er bittet Euch, Ihr wollt seine Entschuldigung übernehmen, wenn der König bei der Abendtafel nach ihm fragt.

HELENA
Bester Pandarus –

PANDARUS
Was sagt die süße Königin, die allersüßeste Königin?

PARIS
Was hat er denn vor? Wo speist er zu Nacht?

HELENA
Aber, bester Pandarus –

PANDARUS
Was sagt die süße Königin? Meine Nichte würde sich mit Euch erzürnen.

HELENA
Ihr dürft nicht fragen, wo er zu Nacht speist!

PARIS
Ich setze mein Leben dran, bei meiner Herzenskaiserin Cressida.

PANDARUS
Ach nein, nichts dergleichen: nein, da irrt Ihr; Eure Herzenskaiserin ist krank.

PARIS
Gut, ich will ihn entschuldigen.

PANDARUS
Schön, mein teurer Prinz. Wie kommt Ihr auf Cressida?
Nein, Eure arme Herzenskaiserin ist krank.

PARIS
Ich errate.

PANDARUS
Ihr erratet? Was erratet Ihr? Kommt, gebt mir eine Zither. Nun, süße Königin?

HELENA
So, das ist recht artig von Euch.

PANDARUS
Meine Nichte ist erschrecklich verliebt in ein Ding, das Ihr habt, süße Königin.

HELENA
Sie solls haben, wenns nicht mein Gemahl Paris ist.

PANDARUS
Den? Nein, nach dem fragt sie nicht. Er und sie sind entzweit.

HELENA
Heut zwietrachtig, morgen einträchtig: so könnten wohl drei draus werden.

PANDARUS
Geht, geht, nichts mehr davon! Ich will Euch nun mein Lied singen.

HELENA
Ja, singt es gleich! Meiner Treu, Pandarus, Ihr habt eine hübsche Stirn.

PANDARUS
Ja, nur zu, nur zu!

HELENA
Singt uns ein verliebtes Lied; die Liebe wird uns noch alle verderben. O Cupido, Cupido, Cupido!

PANDARUS
Ein Liebeslied! Ja, wahrhaftig!

PARIS
Ja, von Liebe; nichts als von Liebe!

PANDARUS
Wahrhaftig, so fängts auch an:
Singt.

O Liebe, Lieb in jeder Stunde! –
Dein Pfeil mit Weh
Trifft Hirsch und Reh;
Doch nicht entrafft
Sie gleich der Schaft,
Er kitzelt nur die Wunde.

Verliebte schrein:
O Todespein!
Doch, was so tödlich erst gedroht,
Daraus wird Jubein und Juchhein.
Die Sterbenden sind frisch und rot;
O weh, ein Weilchen, dann ha, ha!
O weh, seufzt nur nach ha, ha, ha!
Juchhei!

HELENA
Verliebt, wahrhaftig, bis an die Spitze seiner Nase!

PARIS
Er ißt nichts als Tauben, Liebste, und die brüten ihm heißes Blut, und heißes Blut erzeugt heiße Gedanken, und heiße Gedanken erzeugen heiße Werke, und heiße Werke sind Liebe.

PANDARUS
Ist dies die Stammtafel der Liebe? Heißes Blut, heiße Gedanken und heiße Werke; ach, lauter Schlangen! Ist Liebe Otterngezüchte? – Wer ist heut im Felde, liebster Prinz?

PARIS
Hektor, Deiphobus, Helenus, Antenor und die ganze junge Ritterschaft von Troja. Ich hätte heut auch gern die Waffen angelegt, Lenchen wollte es aber nicht zugeben. Wie kommts, daß mein Bruder Troilus ausblieb?

HELENA
Er läßt den Mund um etwas hängen – Ihr wißt schon warum, Herr Pandarus.

PANDARUS
Ich weiß nichts, honigsüße Königin. Mich soll doch wundern, wie es ihnen heut gegangen ist. – Ihr denkt daran Euern Bruder zu entschuldigen?

PARIS
Aufs pünktlichste.

PANDARUS
Lebt wohl, süße Königin!

HELENA
Empfehlt mich Eurer Nichte!

PANDARUS
Das werd ich tun, süße Königin.
Er geht ab. Es wird zum Rückzug geblasen.

PARIS
Sie kehren heim. Gehn wir in Priams Halle,
Sie zu begrüßen; und du, süßes Weib,
Hilf Hektorn sich entpanzern. Fühlt sein Harnisch
Den Zauber deiner weißen Hand, gehorcht er
Weit williger als scharfem Stahl, gezückt
Von griechscher Kraft; und dir gelingt, was nicht
Dem Bundesheer: Held Hektorn zu entwaffnen.

HELENA
Es soll mein Stolz sein, ihm zu dienen, Paris.
Das, was wir ihm als schuldge Pflicht geweiht,
Wird unsrer Schönheit Palme noch erhöhn;
Ja, überstrahlt uns selbst.

PARIS
Du Süße! Über alles lieb ich dich!
Sie gehn ab.




ZWEITE SZENE

Troja. Pandars Garten


Pandarus und Troilus' Page treten auf.

PANDARUS
Heda! Wo ist dein Herr? ist er bei meiner Nichte Cressida?

PAGE
Nein, Herr, er wartet auf Euch, daß Ihr ihn zu ihr führt.
Troilus kommt.

PANDARUS
Oh, hier kommt er. Nun, wie gehts, wie gehts?

TROILUS
Du da, geh fort.
Page ab.

PANDARUS
Habt Ihr meine Nichte gesehn?

TROILUS
Nein, Pandarus. Ich wank um ihre Tür
Gleich einer neuen Seel am Strand des Styx,
Des Fährmanns wartend. O sei du mein Charon
Und schaff mich schnell zu jenen selgen Fluren,
Wo ich mag schwelgen in dem Lilienbeet,
Bestimmt für den Beglückten! Liebster Pandar,
Von Amors Schulter nimm die bunten Schwingen
Und flieg mit mir zu Cressida!

PANDARUS
Weilt hier im Garten, und ich rufe sie.
Pandarus geht ab.

TROILUS
Mir schwindelt; rings im Kreis dreht mich Erwartung;
Die Wonn in meiner Ahnung ist so süß,
Daß sie den Sinn verzückt. Wie wird mir sein,
Wenn nun der durstge Gaumen wirklich schmeckt
Der Liebe lautern Nektar? Tod, so fürcht ich,
Vernichtung, Ohnmacht oder Lust zu fein,
Zu tief eindringend, zu entzückend süß
Für meiner gröbern Sinn Empfänglichkeit.
Dies fürcht ich sehr, und fürchte außerdem,
Daß im Genuß mir Unterscheidung schwindet,
Wie in der Schlacht, wenn Scharen wild sich drängend
Den fliehnden Feind bestürmen.
Panduras kommt zurück.

PANDARUS
Sie macht sich fertig; gleich wird sie hier sein. Nun seid gescheit! Sie errötet und holt so kurz Atem, als wäre sie von einem Gespenst erschreckt. Ich will sie holen; es ist die niedlichste Spitzbübin; sie atmet so kurz wie ein eben gefangner Sperling.
Geht ab.

TROILUS
Die gleiche Angst umspannt auch meine Brust;
Mein Herz schlägt rascher als ein Fieberpuls,
Und alle Kräfte stocken regungslos,
Vasallen gleich, die unversehns begegnen
Dem Aug der Majestät.
Pandarus kommt mit Cressida zurück.

PANDARUS
Komm, komm; wozu dies Erröten? Scham ist nur ein einfältiges Kind. – Hier ist sie nun; schwört ihr nun die Eide, die Ihr mir geschworen habt. – Was, willst du schon wieder entfliehen? Muß man dich erst durch Wachen zähmen, sag? Komm doch heran; komm heran! Wenn du zurückgehst, stellen wir dich in die Deichselgabel. – Warum sprecht Ihr nicht mit ihr? Nun, zieh doch diesen Vorhang weg und laß dein Gemälde betrachten. Liebe Zeit! Wie sie sich fürchtet, dem Tageslicht ein Ärgernis zu geben! Wenn es dunkel wäre, ihr würdet einander schon näher kommen. So, so; jetzt bietet Schach, und Ihr nehmt die Dame. Seht, dieser Kuß war das Handgeld – hier baue Zimmermann; hier ist die Luft lieblich. Ja, wahrhaftig, ihr sollt alle Karten ausgespielt haben, ehe ich euch voneinander lasse – nur zu, nur zu!

TROILUS
Ihr habt mich aller Worte beraubt, Liebste!

PANDARUS
Worte zahlen keine Schulden; gebt ihr Taten; aber sie wird Euch auch um die Taten bringen, wenn sie Eure Tätigkeit in Anspruch nimmt. – Was, wieder geschnäbelt? Hier heißts, »zur Bekräftigung dessen von beiden Parteien wechselseitig«. – Kommt herein, kommt herein, ich will ein Feuer machen lassen.
Pandarus geht ab.

CRESSIDA
Wollt Ihr hineingehn, mein Prinz?

TROILUS
O Cressida, wie oft habe ich mich so gewünscht!

CRESSIDA
Gewünscht, mein Prinz? Die Götter gewähren – o mein Prinz!

TROILUS
Was sollen sie gewähren? Was verursacht dies liebliche Abbrechen? Was für tiefverborgne Trübung erspäht mein süßes Mädchen in dem klaren Brunnen unsrer Liebe?

CRESSIDA
Mehr Trübung als Wasser, wenn meine Furcht Augen hat.

TROILUS
Die Furcht macht Teufel aus Engeln; sie sieht nie richtig.

CRESSIDA
Blinde Furcht, von sehender Vernunft geführt, geht sichrer zum Ziel als blinde Vernunft, die ohne Furcht strauchelt. Das Schlimmste fürchten, heilt oft das Schlimmste.

TROILUS
Was könnte meine Geliebte fürchten? In Cupidos Maskenzug wird nie ein Ungeheuer aufgeführt.

CRESSIDA
Auch nie etwas Ungeheures?

TROILUS
Nichts als unsre Unternehmungen: wenn wir geloben, Meere zu weinen, in Flammen zu leben, Felsen zu verschlingen, Tiger zu zähmen; weil wir wähnen, es sei der Dame unsres Herzens schwerer, genug Prüfungen zu ersinnen, als für uns, irgend etwas Unmögliches zu bestehn. Das ist das Ungeheure in der Liebe, meine Teure, daß der Wille unendlich ist und die Ausführung beschränkt; daß das Verlangen grenzenlos ist und die Tat ein Sklave der Beschränkung.

CRESSIDA
Man sagt, jeder Liebhaber schwöre, mehr zu vollbringen, als ihm möglich ist, und behalte dennoch Kräfte, die er nie in Anwendung bringt; er gelobe mehr als zehn auszuführen, und bringe kaum den zehnten Teil von dem, was einer vermöchte, zustande. Wer die Stimme eines Löwen und das Tun eines Hasen hat, ist der nicht ein Ungeheuer?

TROILUS
Gibt es solche? Wir sind nicht von dieser Art. Lobt uns nach bestandener Prüfung und schätzt uns nach Taten; unser Haupt müsse unbedeckt bleiben, bis Ruhm es krönt. Keine Vollkommenheit, die noch erst erreicht werden soll, werde in der Gegenwart gepriesen; wir wollen das Verdienst nicht vor seiner Geburt taufen, und ist es geboren, so soll seine Bezeichnung demütig sein. Wenig Worte und feste Treue! Troilus wird für Cressida ein solcher sein, daß, was Bosheit ihm Schlimmstes nachsagen mag, ein Spott über seine Treue sei; und was Wahrheit am wahrsten sprechen kann, nicht wahrer als Troilus.

CRESSIDA
Wollt Ihr hineingehn, mein Prinz?
Pandarus kommt zurück.

PANDARUS
Wie, noch immer errötend? Seid ihr noch nicht mit Schwätzen fertig?

CRESSIDA
Nun, Oheim, was ich Törichtes beginne, sei Euch zugeeignet.

PANDARUS
Ich danke schönstens. Wenn der Prinz von dir einen Buben bekommt, so soll er mir gehören. Sei dem Prinzen treu; wenn er wankelmutig wird, so halte dich an mich.

TROILUS
Ihr kennt nun Eure Bürgen: Eures Oheims Wort und meine feste Treue.

PANDARUS
Nun, ich will auch für sie gutsagen. Die Mädchen aus unsrer Verwandtschaft wollen lange gebeten sein; aber, einmal gewonnen, sind sie standhaft. Rechte Kletten, sag ich Euch; sie bleiben haften, wo man sie hinwirft.

CRESSIDA
Kühnheit kommt nun zu mir und macht mir Mut.
Prinz Troilus! Euch liebt ich Tag und Nacht,
Seit manchem langen Mond.

TROILUS
Wie warst du mir so schwer denn zu gewinnen?

CRESSIDA
Schwer nur zum Schein, doch war ich schon gewonnen
Vom ersten Blick, der jemals – o verzeiht!
Sag ich zuviel, so spielt Ihr den Tyrannen.
Ich lieb Euch nun, doch nicht bis jetzt so viel,
Daß ichs nicht zähmen kann – doch nein, ich lüge;
Mein Sehnen war wie ein verzognes Kind
Der Mutter Zucht entwachsen. O wir Ärmsten!
Was schwatz ich da? Wer bleibt uns wohl getreu,
Wenn wir uns selbst so unverschwiegen sind?
So sehr ich liebte, warb ich nicht um Euch,
Und doch fürwahr wünscht ich ein Mann zu sein,
Oder daß wir der Männer Vorrecht hätten,
Zuerst zu sprechen. Liebster, heiß mich still sein!
Sonst im Entzücken red ich ganz gewiß,
Was mich dereinst gereut. O sieh, dein Schweigen,
So schlau verstummend, lockt aus meiner Schwachheit
Die innersten Gedanken; schließ den Mund mir!

TROILUS
Gern! Tönt er auch die süßeste Musik.
[Er küßt sie. ]

PANDARUS
Recht artig, meiner Treu!

CRESSIDA
Mein Prinz, ich bitt Euch sehr, entschuldigt mich;
Nicht wollt ich so mir einen Kuß erbetteln.
Ich bin beschämt – o Himmel! Was begann ich?
Für diesmal muß ich Abschied nehmen, Prinz.

TROILUS
Abschied, mein süßes Mädchen?

PANDARUS
Abschied? Nun ja, ihr mögt bis morgen früh Abschied nehmen.

CRESSIDA
Laßts nun genug sein!

TROILUS
                       Was erzürnt dich, Liebste?

CRESSIDA
Mein eignes Hiersein, Prinz.

TROILUS
                              Ihr könnt Euch selbst
Doch nicht entfliehn?

CRESSIDA
                        Laßt mich, daß ichs versuche.
Zwar eine Art von meinem Selbst bleibt hier,
Doch ein unartges, das sich selbst verläßt,
Als deine Törin. Oh, wo blieb mein Sinn?
Ich möchte gehn – ich sprech, ich weiß nicht was.

TROILUS
Wer so vollständig spricht, weiß, was er spricht.

CRESSIDA
Vielleicht, mein Prinz, zeig ich mehr List als Liebe
Und sprach so dreist ein frei Geständnis aus,
Mir Euer Herz zu fahn. Doch Ihr seid weise,
Liebt also nicht; denn weise sein und lieben
Vermag kein Mensch; nur Götter könnens üben.

TROILUS
O daß ich glaubt, es könne je ein Weib
– Und wenn sie's kann, glaub ichs zuerst von Euch –
Für ewig nähren Liebesflamm und Glut,
In Kraft und Jugend ihre Treu bewahren,
Die Schönheit überdauernd durch ein Herz,
Das frisch erblüht, ob auch das Blut uns altert!
Daß nur die Überzeugung mir erstarkte,
Ihr könntet meine Treu und Innigkeit
Erwidern mit dem gleichgefüllten Maß
Der reinen ungetrübten Herzensneigung –
Wie würde michs erheben! Aber, ach!
Ich bin so wahrhaft, wie der Wahrheit Einfalt,
So einfach, wie die Wahrheit spricht im Kinde.

CRESSIDA
Den Wettkampf nehm ich an.

TROILUS
                            O hold Gefecht,
Wenn Recht um Sieg und Vorrang ficht mit Recht!
Treuliebende in Zukunft werden schwören
Und ihre Treu mit Troilus versiegeln;
Und wenn dem Vers voll Schwür und schwülstgen Bildern
Ein Gleichnis fehlt, der oft gebrauchten müde,
Als – treu wie Stahl, wie Sonnenschein dem Tag,
Pflanzen dem Mond, das Täubchen seinem Tauber,
Dem Zentrum Erde, Eisen dem Magnet,
Dann, nach so viel Vergleichungen der Treu,
Wird als der Treue höchstes Musterbild
»So treu wie Troilus« den Vers noch krönen
Und weihn das Lied.

CRESSIDA
                     Prophetisch sei dies Wort!
Werd ich dir falsch, untreu nur um ein Haar,
Wenn Zeit gealtert und sich selbst vergaß,
Wenn Regen Trojas Mauern aufgelöst,
Blindes Vergessen Städte eingeschlungen
Und machtge Reiche spurlos sind zermalmt
Ins staubge Nichts – auch dann noch mög Erinnrung,
Spricht man von falschen, ungetreuen Mädchen,
Schmähn meine Falschheit; sagten sie, so falsch
Wie Luft, wie Wasser, Wind und lockrer Sand,
Wie Fuchs dem Lamm, wie Wolf dem jungen Kalbe,
Panther dem Reh, Stiefmutter ihrem Sohn,
Ja, schließ es dann und treff ins Herz der Falschheit:
»So falsch wie Cressida!«

PANDARUS
Wohlan, der Handel ist geschlossen; das Siegel drauf, das Siegel drauf, ich will Zeuge sein. Hier faß ich Eure Hand, hier die meiner Nichte; wenn ihr je einander untreu werdet, die ich mit so viel Mühe zusammengebracht habe, so mögen alle armen Liebesvermittler bis an der Welt Ende nach meinem Namen Pandarus heißen; alle unbeständigen Liebhaber soll man Troilus nennen, alle falschen Mädchen Cressida und alle Zwischenträger Pandarus. Sagt Amen!

TROILUS
Amen!

CRESSIDA
Amen!

PANDARUS
Amen! Und somit will ich euch eine Kammer und ein Bett nachweisen; und damit das Bett euer artiges Liebeständeln nicht ausschwatze, drückt es tot. Nun fort!
Und Amor gönne allen scheuen Kindern
Bett, Kammer, Pandar, ihre Not zu lindern!
Sie gehn ab.




DRITTE SZENE

Das griechische Lager


Fanfare. Es treten auf Agamemnon, Ulysses, Diomedes, Nestor, Ajax, Menelaus und Kalchas.

KALCHAS
Nun, Fürsten, für den Dienst, den ich getan,
Ermahnt der Zeit Gelegenheit mich laut,
Zu fordern Lohn. Erinnert euch, wie ich,
Vorahnend das Geschick mit Seherblick,
Mein Eigentum und Troja aufgegeben,
Schmach des Verräters trug und eingetauscht
Für wohlerworbnen ruhigen Besitz
Unsichre Zukunft, losgesagt von allen,
Die Zeit, Bekanntschaft, Umgang und Gewöhnung
Zu Freunden und Vertrauten mir gemacht,
Und hier, um euch zu dienen, bin geworden
Ein Neuling in der Welt, fremd, unbekannt.
Deshalb ersuch ich euch, als Vorgeschmack
Mir jetzt ein kleines Gunstgeschenk zu geben,
Aus jenen vielen mir von euch verheißnen,
Die ihr mir zugedacht nach euerm Wort.

AGAMEMNON
Was willst du von uns, Troer? Fordre denn!

KALCHAS
Ihr machtet einen Troer zum Gefangnen,
Antenor, gestern; Troja schätzt ihn sehr.
Oft habt ihr – und ich dankt euch oft dafür –
Mir meine Cressida auswechsein wollen,
Die Troja stets verweigert. Doch Antenor
Ist, weiß ich, solche Triebkraft ihres Tuns,
Daß ihre Volksberatung, fehlt sein Wirken,
Erschlaffen muß, und diesen einzutauschen
Gäben sie wohl 'nen Prinzen von Geblüt,
Ja, einen Sohn des Priam. Den entlaßt
Als Preis für meine Tochter; ihre Freiheit
Zahlt alle Dienste, die ich Euch erwies,
In hocherkannter Müh.

AGAMEMNON
             Geleit ihn, Diomed,
Und bring uns Cressida; gewährt sei Kalchas,
Was er von uns gewünscht. Ihr, Diomed,
Rüstet Euch stattlich aus zu diesem Tausch;
Zugleich erforscht, ob Hektor seines Aufrufs
Erwidrung morgen wünscht; Ajax ist fertig.

DIOMEDES
Dies übernehm ich gern als eine Bürde,
Die ich zu tragen stolz bin.
Diomedes und Kalchas gehn ab. Achilles und Patroklus treten aus ihrem Zelt.

ULYSSES
Achilles steht am Eingang seines Zelts;
Wollt nun, mein Feldherr, fremd vorübergehn,
Als wär er ganz vergessen; und, Ihr Fürsten,
Nachlässig nur und achtlos blickt ihn an.
Ich folg Euch nach; gewiß dann fragt er mich,
Warum so seitab kalt man auf ihn sah.
Dann, als Medikament, soll Ironie
Behandein seinen Stolz und Euer Fremdtun,
Die er freiwillig gern verschlucken wird.
Das mag wohl helfen: Stolz hat keinen Spiegel,
Sich selbst zu schaun, als Stolz; des Knies Verehrung
Mästet den Hochmut, wird des Stolzen Zehrung.

AGAMEMNON
Wir tun nach Euerm Rat und wolln uns fremd
Gebärden, wie wir ihm vorübergehn.
So tue jeder Lord und grüß ihn gar nicht
Oder verächtlich: das verdrießt ihn mehr,
Als sah ihn keiner an. Ich geh voraus.

ACHILLES
Wie, kommt der Feldherr zum Gespräch mit mir?
Ihr wißts, ich fechte gegen Troja nicht!

AGAMEMNON
Was sagt Achill? Begehrt er was von uns?

NESTOR
Wollt Ihr, mein Fürst, etwas vom Feldherrn?

ACHILLES
                                             Nein!

NESTOR
Nichts, Feldherr!

AGAMEMNON
                   Um so besser!
Agamemnon und Nestor gehen ab.

ACHILLES
                                  Guten Tag! Guten Tag!

MENELAUS
Wie gehts? Wie gehts?
Geht ab.

ACHILLES
                       Was, spottet mein der Hahnrei?

AJAX
Wie stehts, Patroklus?

ACHILLES
                        Guten Morgen, Ajax!

AJAX
                                              He?

ACHILLES
Guten Morgen!

AJAX
               Ja, und guten Tag dazu!
Geht ab. [Sie gehn vorüber. ]

ACHILLES
Was heißt das? Kennt das Volk Achilles nicht?

PATROKLUS
Sie tun ganz fremd! Sonst bückten sie sich tiet
Und sandten dir entgegen schon ihr Lächeln,
Demutig nahnd, als wenn zur Tempelweihe
Sie schlichen!

ACHILLES
                Ha! Bin ich verarmt seit gestern?
Zwar, Größe, wenn sie mit dem Glück zerfällt,
Zerfällt mit Menschen auch. Der Hingestürzte
Liest sein Geschick so schnell im Blick der Menge,
Als er den Fall gefühlt. Die Menschen zeigen,
Wie Schmetterlinge, die bestäubten Schwingen
Dem Sommer nur, und keinen Menschen gibts,
Der, weil er Mensch ist, irgend Ehre hat;
Er hat nur Ehre, jener Ehre halb,
Die Zutat ist, als Reichtum, Rang und Gunst,
Des Zufalls Lohn so oft, wie des Verdienstes;
Wenn diese fallen, die nur schlüpfrig sind,
Muß Lieb, an sie gelehnt und schlüpfrig auch,
Eins mit dem andern niederziehn, und alle
Im Sturze sterben. Nicht so ists mit mir;
Das Glück und ich sind Freunde; noch genieß ich
In vollem Umfang, was ich sonst besaß,
Bis auf die Blicke jener, die, so scheint mirs,
An mir gefunden, was so reichen Ansehns
Wie sonst nicht würdig ist. Da kommt Ulyß,
Ich will sein Lesen unterbrechen.
Wie gehts, Ulyß?

ULYSSES
                   Nun, großer Thetis-Sohn?

ACHILLES
Was lest Ihr da?

ULYSSES
                   Nun, ein seltsamer Geist
Schreibt hier: Ein Mann, wie trefflich ausgestattet,
Wie reich begabt an äußerm Gut und innerm,
Rühmt sich umsonst zu haben, was er hat,
Noch fühlt ers sein, als nur im Widerschein;
Als mußte erst sein Wert auf andre strahlen
Und dann das Feuer, das er jenen lieh,
Dem Geber wiederkehrn.

ACHILLES
                        Das ist nicht seltsam!
Die Schönheit, die uns hier im Antlitz blüht,
Kennt nicht der Eigner; fremdem Auge nur
Empfiehlt sie sich. Auch selbst das Auge nicht,
Das geistigste der Sinne, schaut sich selbst
Für sich allein; nur Auge gegen Auge
Begrüßen sich mit wechselseitigem Glanz.
Denn Sehkraft kehrt nicht zu sich selbst zurück,
Bis sie gewandert und sich dort vermählt,
Wo sie sich sieht. Das ist durchaus nicht seltsam!

ULYSSES
Der Satz an sich ist mir nicht aufgefallen;
Er ist nicht neu; die Folgrung nur des Autors,
Der, wie er ihn erörtert, dartun will,
Niemand sei Herr von irgendeinem Ding
– Obgleich in ihm und für sich selbst bestehend –,
Bis ers als Gabe andern mitgeteilt,
Noch hab er selbst Begriff von ihrem Wert,
Eh er sie abgeformt im Beifall sieht,
Der sie auffaßt und, einer Wölbung gleich,
Rückwirft die Stimme; oder wie ein Tor
Von Stahl die Sonn empfängt und wiedergibt
Ihr Bild und ihre Glut. – Ich war vertieft
In den Gedanken; alsbald fiel mir ein
Ajax, so unbeachtet.
O Himmel, welch ein Mann! Ein wahres Pferd,
Das hat, es weiß nicht was. Natur, wie manches
Wird schlecht geschätzt und ist, genutzt, so teuer!
Wie steht ein andres in erhabnem Ansehn,
Das arm an Wert ist! Morgen sehn wir nun
Durch Tat, die ihm das Los nur zugeworfen,
Ajax berühmt. Himmel, was mancher tut,
Indessen andre alles Tun verschmähn!
Wie der zum Saal der launigen Fortuna kriecht,
Wenn jener ihr vor Augen müßig spielt den Narrn!
Wie der sich in den Ruhm einschwelgt des andern,
Wenn jener macht den Müßiggang zum Schmaus! –
Seht unsre Griechenfürsten! Wie sie schon
Dem Tölpel Ajax auf die Schulter klopfen,
Als stemmt' er seinen Fuß auf Hektors Brust
Und laut schon schriee Troja!

ACHILLES
Ich glaub es wohl; sie gingen mir vorüber,
Wie Geizge Bettlern, gönnten mir auch nicht
Wort oder Blick. So ward ich schon vergessen?

ULYSSES
Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,
Worin sie Brocken wirft für das Vergessen,
Dies große Scheusal von Undankbarkeit.
Die Krumen sind vergangne Großtat, aufgezehrt
So schleunig als vollbracht, so bald vergessen
Als ausgetührt. Beharrlichkeit, mein Fürst,
Hält Ehr im Glanz; was man getan hat, hängt
Ganz aus der Mode, wie ein rostger Harnisch,
Als armes Monument, dem Spott verfallen.
Verfolge ja den Pfad, der vor dir liegt;
Denn Ehre wandelt in so engem Hohlweg,
Daß einer Platz nur hat; drum bleib im Gleise!
Denn tausend Söhne hat die Ruhmbegier,
Und einer drängt den andern; gibst du Raum,
Lenkst du zur Seit und weichst vom gradsten Weg,
Gleich eingetretner Flut stürzt alles vor
Und läßt dich weit zurück,
Oder du fällst, ein edles Roß, im Vorkampf
Und liegst als Damm für den verworfnen Troß,
Zerstampft und überrannt. Was diese jetzt tun,
Wird Größres, das du tatest, überragen;
Denn Zeit ist wie ein Wirt nach heutger Mode,
Der lau dem Gast die Hand drückt, wenn er scheidet.
Doch ausgestreckten Arms, als wollt er fliegen,
Umschlingt den, welcher eintritt.
Stets lächelt Willkomm, Lebewohl geht seufzend.
Nie hoffe Wert für das, was war, als Lohn;
Denn Schönheit, Witz,
Geburt, Verdienst im Kriege, Kraft der Sehnen,
Geist, Freundschaft, Wohltat, alle sind sie Knechte
Der neidischen, verleumdungssüchtgen Zeit.
Natur macht hierin alle Menschen gleich:
Einstimmig preist man neugebornen Tand,
Ward er auch aus vergangnem nur geformt,
Und schätzt den Staub, ein wenig übergoldet,
Weit mehr als Gold, ein wenig überstäubt.
Die Gegenwart rühmt Gegenwärtges nur;
Drum staune nicht, o hochberühmter Held,
Daß alle Griechen jetzt auf Ajax schaun,
Denn die Bewegung fesselt mehr den Blick
Als Ruhendes. Sonst jauchzte alles dir,
Und tät es noch, und würd es wieder tun,
Wenn du dich lebend selber nicht begrübst
Und deinen Ruhm einhegtest in dein Zelt,
Du, dessen glorreich Tun noch jüngst im Kampf
Neid und Parteiung selbst den Göttern schuf
Und Mars einschreiten ließ.

ACHILLES
                             Für mein Verhalten
War starker Grund.

ULYSSES
                    Doch wider dein Verhalten
Sind heldenhafter noch die Gründ und mächtger.
Es ist bekannt, Achill, Ihr seid verliebt
In eine Tochter Priams.

ACHILLES
                         Ha! Bekannt?

ULYSSES
Ist das ein Wunder?
Die Weisheit einer klug wachsamen Staatskunst
Kennt jedes Korn beinah von Plutus' Gold,
Ergründet unerforschte Tiefen, sitzt
Zu Rat mit dem Gedanken, ja, wie Götter
Fast schaut sie die Gedanken schleierlos
In ihrer stummen Wiege.
Ein tief Geheimnis wohnt – dem die Geschichte
Stets fremd geblieben – in des Staates Seele,
Des Wirksamkeit so göttlicher Natur,
Daß Sprache nicht noch Feder sie kann deuten.
All der Verkehr, den Ihr mit Troja pflogt,
Ist völlig so bekannt uns, Fürst, wie Euch,
Und besser ziemte wohl sichs für Achill,
Hektorn bezwingen als Polyxena!
Denn zürnen muß daheim der junge Pyrrhus,
Wenn durch die Inseln Famas Tuba schallt
Und unsre griechschen Mädchen hüpfend singen:
Des Hektor Schwester konnt Achill besiegen,
Doch Hektor selbst mußt Ajax unterliegen. –
Lebt wohl, ich sprach als Freund. Der Tor kann gleiten
Nun übers Eis, weil Ihrs nicht bracht beizeiten.
Ulysses geht ab.

PATROKLUS
Wie oft ermahnt ich Euch zu gleichem Zweck!
Ein Weib, das unverschämt und männlich ward,
Ist nicht so widrig als ein weibscher Mann,
Wenns Taten gilt. Ich werde drum gescholten!
Man glaubt, mein schwacher Eifer für den Krieg
Und Eure Gunst zu mir lähmt Euern Arm.
Drum, Liebster, auf! Des zarten Weichlings Amor
Lieblich Umarmen streift von Euerm Nacken,
Und wie Tautropfen von des Löwen Mähne
Sei er zu luftgem Nichts zerschüttelt.

ACHILLES
                                        Soll
Ajax mit Hektorn kämpfen?

PATROKLUS
Ja, und vielleicht viel Ehr an ihm gewinnen.

ACHILLES
Ich seh es wohl, mein Ruhm steht auf dem Spiel;
Mein Ruf ist schwer verwundet.

PATROKLUS
                                O dann wahrt Euch!
Denn selbstgeschlagne Wunden heilen schwer!
In Ohnmacht unterlassen das Notwendge,
Heißt eine Vollmacht zeichnen der Gefahr;
Und heimlich faßt Gefahr uns wie ein Fieber,
Selbst wenn wir müßig in der Sonne sitzen.

ACHILLES
Geh, ruf mir den Thersites, holder Freund;
Den Narrn send ich zum Ajax und ersuch ihn,
Die Troerfürsten zu mir einzuladen,
Uns friedlich nach dem Kampfe hier zu sehn.
Mich treibt ein kranker Wunsch, ein Fraungelüst,
Im Hauskleid hier zu sehn den großen Hektor,
Mit ihm zu reden, sein Gesicht zu schaun
Nach Herzenslust.
Thersites tritt auf.
                   Da sieh, ersparte Müh!
[Thersites tritt auf. ]

THERSITES
Ein Wunder!

ACHILLES
Was?

THERSITES
Ajax geht das Feld auf und ab und sucht nach sich selbst.

ACHILLES
Wieso?

THERSITES
Morgen soll er seinen Zweikampf mit Hektor bestehn und ist so prophetisch stolz auf ein heroenmäßiges Abprügeln, daß er, ohne ein Wort zu reden, rast.

ACHILLES
Wie das?

THERSITES
Ei nun, er stolziert auf und ab wie ein Pfau, ein Schritt und dann ein Halt, murmelt, wie eine Wirtin, die keine Rechentafel hat als ihren Kopf, um die Zeche richtig zu machen, beißt sich in die Lippe mit einem staatsklugen Blick, als wollt er sagen: In diesem Haupt wäre Witz, wenn er nur heraus könnte; und es ist auch vielleicht welcher da, aber er liegt so kalt in ihm wie Feuer im Kiesel, das nicht zum Vorschein kommt, eh er geschlagen wird. Der Mann ist auf ewig geliefert, denn wenn ihm Hektor nicht im Kampf den Hals bricht, so bricht er ihn sich selbst durch seinen Dünkel. Mich kennt er nicht mehr; ich sagte ihm: Guten Morgen, Ajax, und er antwortete: Großen Dank, Agamemnon! Was meint Ihr von einem Menschen, der mich für den Feldherrn ansieht? Er ist ein wahrer Landfisch geworden, sprachlos, ein Ungeheuer. Hoi der Henker die öffentliche Meinung! Es kann sie einer auf beiden Seiten tragen, wie ein ledernes Warns.

ACHILLES
Du sollst mein Gesandter an ihn sein, Thersites.

THERSITES
Wer, ich? Ei, er gibt niemand Antwort; Antworten sind seine Sache nicht; reden schickt sich für Bettler; er trägt die Zunge im Arm. Ich will ihn Euch vorstellen; laßt nun Patroklus Fragen an mich richten, Ihr sollt ein Schauspiel vom Ajax sehn.

ACHILLES
Red ihn an, Patroklus. Sag ihm, ich lasse den tapfern Ajax in Demut ersuchen, er wolle den großmütigen Hektor einladen, unbewaffnet in meinem Zelt zu erscheinen, und ihm ein sichres Geleit verschaffen bei dem höchst mannhaften und durchlauchtigen, sechs- oder siebenmal preiswürdigen Feldhauptmann des Griechenheers, Agamemnon! – Nun, fang an!

PATROKLUS
Heil dem großen Ajax!

THERSITES
Hum!

PATROKLUS
Ich komme von dem edeln Achilles –

THERSITES
Ha!

PATROKLUS
– der Euch in aller Demut ersucht, Hektorn in sein Zelt einzuladen –

THERSITES
Hum!

PATROKLUS
– und ihm sichres Geleit vom Agamemnon zu verschaffen –

THERSITES
Agamemnon?

PATROKLUS
Ja, mein Fürst.

THERSITES
Ha!

PATROKLUS
Was meint Ihr dazu?

THERSITES
Gott sei mit Euch! Ganz der Eurige.

PATROKLUS
Eure Antwort, Herr!

THERSITES
Wenns morgen ein schöner Tag ist – um elf Uhr –, da wird sichs finden auf eine oder die andre Art; aber wie's auch wird, er soll für mich zahlen, ehe er mich bekommt.

PATROKLUS
Eine Antwort, Herr!

THERSITES
Lebt wohl! Ganz der Eurige.

ACHILLES
Und ist er wirklich in solcher Stimmung? Sag!

THERSITES
Nein, in ebensolcher Verstimmung. Wieviel Musik in ihm nachbleibt, wenn Hektor ihm den Schädel eingeschlagen hat, das weiß ich nicht, aber ich denke, gar keine: Fiedler Apollo müßte denn seine Sehnen nehmen und sich Saiten daraus machen.

ACHILLES
Komm, du sollst ihm jetzt diesen Brief bringen.

THERSITES
Gebt mir noch einen für sein Pferd, denn das ist doch von beiden die klügere Bestie!

ACHILLES
Mein Geist ist trüb wie ein gestörter Quell,
Ich selber kann ihm auf den Grund nicht schaun.
Achilles und Patroklus gehn ab.

THERSITES
Ich wollte, der Born Eures Geistes wäre wieder klar, daß ich einen Esel daraus tränken könnte. War ich doch lieber eine Laus in Schafwolle als solche taptre Dummheit!
Er geht ab.






VIERTER AKT

ERSTE SZENE

Troja. Eine Straße


Es treten auf Äneas und ein Diener mit einer Fackel, von der einen Seite; von der andem Paris, Antenor, Deiphobus und Diomedes nebst Gefolge und Fackeln.

PARIS
Heda, wer kommt hier?

DEIPHOBUS
                       Fürst Äneas, Herr.

ÄNEAS
Wie, Paris, seid Ihrs wirklich?
Hätt ich so schönen Anlaß, lang zu schlafen,
Als Ihr, mein Prinz, nur heilge Pflichten hielten
Von meiner Bettgenossin mich entfernt.

DIOMEDES
So denk ich auch. Guten Morgen, Fürst Äneas!

PARIS
Ein tapfrer Griech, Äneas; reicht die Hand ihm!
Erinnert Euch, wie oft Ihr uns erzählt,
Daß Diomed Euch eine ganze Woche
Täglich im Kampf gesucht.

ÄNEAS
                           Ich biet Euch Gruß,
Solang der Stillstand währt und Waffenruh,
Doch treff ich Euch im Feld, so finstern Trotz,
Wie nur das Herz ihn denkt, ausführt der Mut!

DIOMEDES
Freundschaft wie Kampf erwidert Diomed.
Nun wallt das Blut uns kühl, drum Gruß und Heil!
Doch trifft Gelegenheit und Schlacht zusammen,
Beim Zeus, dann mach ich auf dein Leben Jagd
Mit aller Kraft, Verschlagenheit und List.

ÄNEAS
Und jagen sollst du einen Leun, der flieht
Mit rückgewandtem Haupt. Jetzt sei gegrüßt
In Freundlichkeit, ja, bei Anchises' Leben,
Herzlich willkommen! Bei der Venus Hand:
Kein Mann auf Erden kann in solcher Weise
Den Feind mehr lieben, den er wünscht zu töten!

DIOMEDES
Wir fühlen gleich. Zeus, laß Äneas leben,
Wenn meinem Schwert sein Tod nicht Ruhm erkauft,
Bis tausend Sonnenläufe sich erfüllen –
Doch mir zu Preis und Ehre laß ihn sterben,
Verwundet jedes Glied, und morgen schon!

ÄNEAS
Wir kennen einander gut.

DIOMEDES
Und wünschen auch im Bösen uns zu kennen.

PARIS
Das ist so schmähend trotzger Freundesgruß,
So edler Liebeshaß, als je geboten. –
Warum so früh geschäftig, Fürst?

ÄNEAS
                                  Der König
Hat mich verlangt, doch weiß ich nicht, warum.

PARIS
Ich kanns Euch melden. Diesen Griechen führt
In Kalchas' Haus; dort für Antenors Freiheit
Sollt Ihr die schöne Cressida erstatten.
Laßt uns zusammen gehn; sonst, wenn Ihr wollt,
Eilt jetzt vor uns zu ihm. Ich glaube sicher
– Vielmehr, mein Glaub ist ein bestimmtes Wissen –,
Dort weilt mein Bruder Troilus zu Nacht.
Weckt ihn und meldet ihm, daß wir uns nahn,
Und gebt Bescheid, weshalb; ich fürchte sehr,
Wir sind ihm nicht willkommen.

ÄNEAS
                                Sicher nicht!
Eh wünscht er Troja hin nach Griechenland,
Als Cressida aus Troja.

PARIS
                         Wer kanns ändern!
Der Zeit gebietrische Notwendigkeit
Verlangt es so; geht, Fürst, wir folgen Euch.

ÄNEAS
Guten Morgen allerseits!
Er geht mit dem Diener ab.

PARIS
Nun sagt mir, edler Diomed, sagt frei
Im echten Geist aufrichtger Brüderschaft,
Wer würdger sei der schönen Helena,
Ich oder Menelaus?

DIOMEDES
                    Beide gleich!
Wert ist er, sie zu haben, der sie sucht,
Für gar nichts achtend ihrer Ehre Fleck,
Mit solcher Welt von Qual und Höllenpein;
Du wert, sie zu behalten, der sie schützt
– Mit stumpfem Gaum nicht ihre Schande schmeckend –,
Mit solchem teuern Preis von Gut und Blut.
Er, ein schwachmütger Hahnrei, tränke willig
Die Neig und Hefe abgestandnen Weins;
Dich Liederlichen freuts, aus Hurenleib
Dir deine künftgen Erben zu erzeugen.
Drum wiegt ihr gleich, wie man die Pfunde setze;
Hat einer mehr Gewicht, 's ist um 'ne Metze.

PARIS
Zu herbe seid Ihr Eurer Landsmännin.

DIOMEDES
Herb ist sie ihrem Lande. Hört mich, Paris:
Für jeden Tropfen ihres schnöden Bluts
Zahlt eines Griechen Leben; jeder Skrupel
Des pesterfüllten, buhlerischen Leibes
Erschlug 'nen Troer. Seit sie stammein konnte,
Sprach sie der guten Worte nicht so viel,
Als griechisch Volk und troisch für sie fiel.

PARIS
Freund Diomed, Ihr machts wie kluge Käufer,
Und schmäht das Gut, um das Ihr markten kommt;
Doch wir sind Euch voraus und schweigen still;
Man rühmt nicht, was man nicht verkaufen will. –
Hier geht der Weg.
Sie gehn ab.




ZWEITE SZENE

Toja. Der Hof von Pandarus' Haus [Garten ]


Troilus und Cressida.

TROILUS
Mein Liebchen, müh dich nicht; die Luft ist kalt.

CRESSIDA
Dann, Liebster, ruf ich mir den Ohm herab,
Er soll das Tor aufschließen.

TROILUS
                               Stör ihn nicht!
Zu Bett, zu Bett! Schlaft süß, ihr holden Augen,
Und linde Ruh umschmiege deine Sinne
Wie Kindern, aller Sorgen frei.

CRESSIDA
Guten Morgen denn!

TROILUS
                    Ich bitt dich, nun zu Bett!

CRESSIDA
So seid Ihr mein schon müde?

TROILUS
O Cressida! Nur daß der rege Tag,
Geweckt vom Lerchenton, aufscheucht die Krähe,
Und Nacht nicht länger unsre Freuden birgt –
Sonst schied' ich nicht.

CRESSIDA
                          Die Nacht war allzu kurz!

TROILUS
Giftmischern weilt die widerwärtge Hexe,
Wie Hölle endlos; doch der Liebe Kosen
Flieht sie, mit Schwingen schneller als Gedanken. –
Erkälten wirst du dich und auf mich zürnen.

CRESSIDA
O bleib noch! Männer wollen niemals warten.
Ich Törin! Hätt ich nein zu dir gesagt,
Dann würdst du wohl noch warten. Horch! Wer kommt?

PANDARUS
draußen
Was? Alle Türen offen?

TROILUS
                        's ist dein Oheim.
Pandarus kommt.

CRESSIDA
Der Unerträgliche! Nun wird er spotten,
Das wird ein Leiden sein.

PANDARUS
Nun, wie gehts, wie gehts? Wie stehts um die Jungfernschaft? Hört, Ihr Jungfer! Wo ist meine Nichte Cressida?

CRESSIDA
Fort, fort mit Euch, Ihr böser, spöttscher Ohm!
Erst treibt Ihr mich dazu, dann höhnt Ihr mich!

PANDARUS
Wozu, wozu? Nun sage doch einmal, wozu? Wozu habe ich dich gebracht?

CRESSIDA
Pfui, schlimmer Ohm! Ihr selbst tut nimmer gut,
Noch leidet Ihrs von andern.

PANDARUS
Ha, ha, ha! Ach du armes Ding! Das liebe Närrchen! Hast du diese Nacht nicht geschlafen? Wollte er dich nicht schlafen lassen, der garstige Mann? Hol ihn der Popanz! –
[Es wird an die Tür geklopft. ]

CRESSIDA
Sagt ichs nicht? – Klopft doch lieber seinen Kopf!
Es klopft.
Wer pocht so? Geht doch, lieber Oheim, seht! –
Ihr, Liebster, kommt zurück in meine Kammer! –
Ihr lächelt spöttisch, als meint ich was Arges.

TROILUS
Haha!

CRESSIDA
Ihr irrt Euch; nein, an so was denk ich nicht.
Man klopft wieder.
Wie stark man klopft! Ich bitt Euch, geht hinein;
Ich möcht nicht für halb Troja, daß man fänd Euch!
Sie gehn ab.

PANDARUS
Wer ist denn da? Was gibts? Wollt Ihr die Tür einschlagen? Was ist? Was gibts?
Äneas tritt auf.

ÄNEAS
Guten Morgen, Herr, guten Morgen!

PANDARUS
Wer ists? Fürst Äneas? Auf meine Ehre, ich kannte Euch nicht! Was bringt Ihr so früh Neues?

ÄNEAS
Ist nicht Prinz Troilus hier?

PANDARUS
Hier? Was sollte er wohl hier machen?

ÄNEAS
Ei, er ist hier; verleugnet ihn nur nicht!
Es liegt ihm viel daran, mit mir zu reden.

PANDARUS
Er ist hier, sagt Ihr? Das ist mehr, als ich weiß, das schwöre ich Euch. Was mich betrifft, so kam ich spät heim. Was sollte er hier zu tun haben?

ÄNEAS
Wer? Nun, wahrhaftig, –
Geht, geht! Ihr tut ihm Schaden, eh Ihrs denkt;
Ihr wolIt ihm treu sein und verratet ihn.
Wißt immer nichts von ihm, nur holt ihn her!
Geht!
[Während Pandarus abgeht, kommt Troilus. ] Troilus kommt zurück.

TROILUS
Nun, was gibt es hier?

ÄNEAS
Kaum bleibt mir Zeit, Euch zu begrüßen, Prinz,
So drängt mich mein Geschäft. Ganz nah schon sind
Eur Bruder Paris und Deiphobus,
Der Grieche Diomed und, neu befreit,
Unser Antenor; und für diesen solln wir
Noch diese Stunde, vor dem Morgenopfer,
In Diomedes' Hand als Preis erstatten
Das Fräulein Cressida.

TROILUS
                        Ist das beschlossen?

ÄNEAS
Von Priamus und Trojas ganzem Rat;
Sie nahn und sind bereit, es zu vollziehn.

TROILUS
Wie spottet mein nun der errungne Preis! –
Ich geh, sie zu empfangen, Ihr, Äneas,
Traft mich durch Zufall, fandet mich nicht hier!

ÄNEAS
Recht wohl, mein Prinz! Naturgeheimnisse
Sind nicht mit großrer Schweigsamkeit begabt.
Troilus und Äneas gehen ab.

PANDARUS
Ists möglich? Wie gewonnen, so zerronnen? Hole der Teufel diesen Antenor! Der junge Prinz wird den Verstand verlieren. Zum Henker mit diesem Antenor! Ich wollte, sie hätten ihm den Hals gebrochen!
Cressida kommt.

CRESSIDA
Was denn? Was gibt es hier? Wer kam vorhin?

PANDARUS
Ach, ach!

CRESSIDA
Was seufzt Ihr so? Wo ist mein Liebster? Fort?
Sagt, lieber Ohm, was ist geschehn?

PANDARUS
Ich wollte, ich wäre so tief unter der Erde, als ich drüber bin!

CRESSIDA
O Götter! Nun, was ist geschehn?

PANDARUS
Ach, geh nur hinein. Wärst du doch nie geboren! Ich wußte es wohl, du würdest sein Tod sein. O der arme, junge Mann! – Verdammter Antenor!

CRESSIDA
Mein bester Ohm, auf meinen Knien beschwör ich,
Ich fleh Euch, sagt, was ist geschehn?

PANDARUS
Du mußt fort, Kind, du sollst fort; du bist für den Antenor ausgewechselt; zu deinem Vater sollst du und den Troilus verlassen. Das wird sein Tod sein, das überlebt er nicht, das bringt ihn um!

CRESSIDA
O ihr Unsterblichen! Ich gehe nicht!

PANDARUS
                                      Du mußt!

CRESSIDA
Ich will nicht, Ohm. Was frag ich nach dem Vater!
Was ist Verwandtschaft mir! – Nein, keine Seele,
Nicht Freundschaft, Lieb und Blut sind mir so nah
Als du, herzliebster Troilus! – O Götter,
Laßt Cressida der Falschheit Gipfel heißen,
Wenn sie dich je verläßt! Zeit, Not und Tod,
Tut diesem Leben euer Äußerstes;
Doch meiner Liebe starker Bau und Grund
Ist wie der Erde ewger Mittelpunkt,
Der alles an sich zieht. Ich will hinein
Und weinen.

PANDARUS
             Ja, mein Kind.

CRESSIDA
                             Zerraufen will ich
Mein glänzend Haar; die schönen Wangen furchen,
Die Stimme heiser schluchzen und mein Herz
Zersprengen mit dem Namen Troilus.
Ich will nicht fort von Troja!
Sie gehn ab.




DRITTE SZENE

Toja. Eine Straße vor Pandarus' Haus


Es treten auf Paris, Troilus, Äneas, Deiphobus, Antenor, Diomedes [und Gefolge ].

PARIS
Es ist schon heller Morgen, und die Stunde,
Sie abzuliefern diesem tapfern Griechen,
Rückt schnell heran. Mein bester Troilus,
Sag du der Dame, was ihr nah bevorsteht,
Und heiß sie eilen!

TROILUS
                     Geht ins Haus hinein;
Ich sende sie dem Griechen ungesäumt,
Und seine Hand, wenn ich sie überliefre,
Ist der Altar, dein Bruder Troilus
Der Priester, der sein eignes Herz dort opfert.
Troilus ab.

PARIS
Ich weiß, was Lieben heißt, und wünschte nur,
Ich könnte dir, wie Mitleid, Hülfe bieten. –
Beliebts, Ihr Herrn, so geht hinein!
Sie gehn ab.




VIERTE SZENE

Troja. Pandarus' Haus [Garten ]


Pandarus und Cressida treten auf.

PANDARUS
Sei mäßig, Kind, sei mäßig!

CRESSIDA
Was sprecht Ihr mir von Mäßigung? Der Schmerz,
Den ich empfind, ist geistig, tief, erschöpfend
Und ganz so groß und heftig wie die Ursach,
Die ihn erzeugt; wie kann ich ihn da mäßgen?
Wenn meine Liebe mit sich handeln ließe,
Daß sie dem kältern, schwächern Sinn genügte,
So könnt ich ebenso den Schmerz auch kühlen.
Mein Sehnen duldet kein vermittelnd Lindern,
So großes Leid vermag kein Trost zu mindern.
Troilus kommt.

PANDARUS
Hier, hier, hier kommt er. Ach die lieben Täubchen!

CRESSIDA
O Troilus! Troilus!

PANDARUS
Welch ein Schauspiel! Das arme Paar! Laßt mich euch auch umarmen! – O Herz – wie's im alten Liede steht –

O Herz, o volles Herz,
Was seufzest du und brichst nicht?
Und er antwortet hernach:
Weil du nicht lindern kannst den Schmerz,
Drum wendst du dich und sprichst nicht.
Nie gabs einen so wahren Reim. Man muß nichts wegwerfen, denn wir könnens alle erleben, solchen Vers nötig zu haben; wir sehn es, wir sehn es. Nun, meine Lämmchen?

TROILUS
Ich liebe dich mit solcher seltnen Reinheit,
Daß selge Götter, meiner Liebe zürnend,
Die heißer, als Gebet von kalten Lippen
Der Gottheit dargebracht, dich mir entreißen!

CRESSIDA
Sind Götter neidisch?

PANDARUS
Ja, ja! da sieht mans deutlich!

CRESSIDA
Und ist es wahr? Muß ich von Troja scheiden?

TROILUS
Verhaßte Wahrheit!

CRESSIDA
                    Auch von Troilus?

TROILUS
Von Troja wie von Troilus!

CRESSIDA
                            Unmöglich!

TROILUS
Und augenblicks, so daß des Schicksals Hohn
Das Lebewohl zurückweist, jede Muße
Grausam versagt, arglistig unsern Lippen
Alle Vereinung wehrt, gewaltsam hemmt
Der Lieb Umarmung und den Schwur erstickt
Im Kreißen und Geburtsschmerz unsres Atems.
Wir beide, die wir uns mit tausend Seufzern
Gewonnen, müssen ärmlich uns verkaufen
Für eines einzgen abgebrochnen Hauch.
Der rohe Augenblick, mit Diebes Hast,
Zwängt ein den reichen Raub fast unbesehn.
So viel Lebwohl als Stern am Himmel, jedes
Mit eignem Kuß und Abschiedswort besiegelt,
Rafft täppisch er zusammen in ein Wort,
Und speist uns ab mit einem dürftgen Kuß,
Verbittert mit dem Salz verhaltner Tränen.

ÄNEAS
draußen.
Prinz, ist das Fräulein nun bereit?

TROILUS
Sie rufen dich! So ruft der Todesengel
Sein »Komm!« dem Mann, der plotzlich sterben soll. –
Heißt jene warten, sie wird gleich erscheinen.

PANDARUS
Wo sind meine Tränen? Regnet, damit dieser Sturm sich lege, sonst reißt es mein Herz mit allen Wurzeln aus.
Pandarus geht.

CRESSIDA
So muß ich zu den Griechen?

TROILUS
                             's ist kein Mittel!

CRESSIDA
Ein trauernd Mädchen bei den lustgen Griechen?
Wann werden wir uns wiedersehn?

TROILUS
Hör mich, Geliebte, bleibe du nur treu –

CRESSIDA
Ich treu? Wie das? Welch schmählicher Verdacht!

TROILUS
Nein, laß uns freundlich schlichten diesen Streit,
Er scheidet gleich von uns.
Ich sage nicht aus Argwohn: »Sei mir treu«,
Denn selbst dem Tod werf ich den Handschuh hin,
Daß ohne Fleck und Makel sei dein Herz;
Dies »Sei mir treu« war nur, um einzuleiten
Die folgende Beteurung: Sei mir treu,
Und bald seh ich dich wieder!

CRESSIDA
O dann, mein Prinz, wagt Ihr Euch in Gefahren
Zahllos und furchtbar. Doch ich bleib Euch treu!

TROILUS
Dann lockt Gefahr mich. Tragt die Ärmelkrause.

CRESSIDA
Und Ihr den Handschuh. Wann seh ich Euch wieder?

TROILUS
Erkaufen werd ich mir die griechschen Wachen
Und dann dich nachts besuchen. Doch sei treu!

CRESSIDA
O Himmel! Wieder dies: Sei treu!

TROILUS
                                  Hör an,
Geliebteste, weshalb ich dirs gesagt:
Die griechschen Jünglinge sind reich begabt;
Ihr Lieben schmücken sie mit Körperschönheit,
Und Kunst und List vollenden ihren Reiz.
Wie Neuheit rühren mag und Wohlgestalt,
Ach, läßt mich eine fromme Eifersucht
– Ich bitt dich, nenn es tugendhafte Sünde –
Zu sehr befürchten.

CRESSIDA
                    Oh, Ihr liebt mich nimmer!

TROILUS
Dann mag ich sterben als ein Bösewicht!
Nicht deine Treu und Liebe macht mich zweifeln
So sehr, als was ich bin. Ich kann nicht dichten,
Nicht springen wie ein Tänzer, zierlich plaudern,
Noch feine Spiele spielen; lauter Gaben,
Worin die Griechen meisterlich gewandt.
Allein ich weiß, in jeder dieser Zierden
Lauert ein listger, stummberedter Teufel,
Der schlau versucht. O laß dich nicht versuchen!

CRESSIDA
Glaubst du, ich werd es?

TROILUS
                          Nein!
Doch oft geschieht uns, was wir nicht gewollt,
Und oftmals sind wir unsre eignen Teufel,
Wenn wir des Willens Schwäche selbst versuchen,
Zu sicher unsrer wandelbaren Kraft.

ÄNEAS
draußen.
Nun, werter Prinz –

TROILUS
                     Noch einen Kuß zum Abschied!

PARIS
draußen.
Auf, Bruder Troilus!

TROILUS
                      Paris, komm herein
Und bring Äneas mit und Diomedes!

CRESSIDA
Ihr bleibt doch treu, mein Prinz?

TROILUS
Wer, ich? Das ist mein Fehl, ja, meine Schwäche!
Wenn andre listig Gunst und Ehre fischen,
Fang ich mit echter Treu mir schlichte Einfalt;
Wenn mancher schlau sein Kupferblech vergoldet,
Trag ich es schlicht und ehrlich ungeschmückt.
Sorg nicht um meine Treu, denn all mein Sinnen
Ist ehrlich, treu; mehr will ich nicht gewinnen.
Äneas, Paris, Antenor, Deiphobus und Diomedes treten auf.
Willkommen, Diomed! Hier ist die Dame,
Die für Antenor wir Euch überliefern.
Am Tor, Herr, geb ich sie in deine Hand
Und schildre unterwegs dir, was sie ist.
Begegn ihr gut, und dann, beim Himmel, Grieche,
Fällst du jemals in meines Schwerts Gewalt
Und nennst mir Cressida, dann bleibst du sicher
Wie Priamus in Ilium.

DIOMEDES
                       Schöne Dame,
Ihr spart den Dank mir, den der Prinz erwartet.
Eur glänzend Aug, der Himmel dieser Wangen,
Heischt wackern Dienst; und Diomedes nennt
Euch seine Herrin, ist Euch ganz gewidmet.

TROILUS
Grieche, nicht höflich gegen mich verfährst du,
Den Ernst in meiner Bitte zu mißachten
Durch solches Preisen. Merk dir, griechscher Fürst,
Sie überstrahlt so überaus dein Preisen,
Als du unwürdig bist, ihr Dienst zu leisten.
Ich heiß dich: halt sie gut, weil ichs dich heiße;
Denn, beim furchtbaren Pluto, tust du's nicht,
Wär auch dein Schutz Achilles' riesge Wucht:
Du hast gelebt!

DIOMEDES
                 O nicht so hitzig, Prinz!
Laßt mir das Vorrecht meiner Sendung, daß
Ich frei hier sprechen darf. Bin ich erst fort,
Dann folg ich meiner Willkür; und vernimm,
Ich tu nichts auf Geheiß: Nach ihrem Wert
Wird sie geschätzt; doch sprichst du: So solls sein,
Werd ich nach Mut und Ehr erwidern: Nein!

TROILUS
So kommt zum Tor! Doch höre, eh wir gehn:
Dein Prahlen kommt dich teuer noch zu stehn! –
Gebt, Fräulein, mir die Hand, und mag im Wandeln
Ein leises Wort des Herzens Wunsch verhandeln.
Troilus, Cressida und Diomedes gehn ab. Trompetenstoß.

PARIS
Horch! Hektors Herold!

ÄNEAS
                        Wie der Morgen schwand!
Der Prinz muß träge mich und säumig schelten,
Da ich versprach, vor ihm im Feld zu sein.

PARIS
Die Schuld trägt Troilus; kommt, ins Feld mit ihm!

DEIPHOBUS
Nun laßt uns eilig sein!

ÄNEAS
Ja, mit des Bräutgams muntrer Freudigkeit
Wolln wir dem Hektor folgen auf dem Fuß.
Heut ficht für unsres Troja Heil und Ruhm
Sein Arm allein und edles Rittertum! –
Sie gehn ab.




FÜNFTE SZENE

Das griechische Lager . Ein Kampfring ist abgesteckt


Es treten auf Ajax, in voller Rüstung; Agamemnon, Achilles, Patroklus, Menelaus, Ulysses, Nestor und Gefolge.

AGAMEMNON
Hier stehst du in der Rüstung frisch und kühn,
Der Zeit voreilend mit frühregem Mut.
Laß die Drommete laut dich Troja künden,
Furchtbarer Ajax, daß die Luft entsetzt
Des großen Kämpen Ohr durchbohre scharf
Und stürm ihn her.

AJAX
                    Trompeter, nimm die Börse!
Nun spreng die Lung und brich dein erznes Rohr,
Blas, Kerl, bis deine aufgeschwellte Wange
Noch straffer sei als Pausback Aquilo,
Dehn aus die Brust, spritzt auch dein Auge Blut,
Du schmetterst Hektorn mir heran.
Trompetenstoß.

ULYSSES
Kein Erz gibt Antwort!

ACHILLES
                        's ist noch früh am Tag.
Diomedes und Cressida treten auf.

AGAMEMNON
Kommt dort nicht Diomed mit Kalchas' Tochter?

ULYSSES
Jawohl, ich kenn ihn an der Art des Gangs,
Er hebt sich auf den Zehn; hochatmend strebt
Sein Geist von dieser Erd empor.
Diomedes und Cressida treten auf.

AGAMEMNON
Ist dies das Fräulein Cressida?

DIOMEDES
                                Sie ists.

AGAMEMNON
Seid hold gegrüßt den Griechen, schönes Fräulein!

NESTOR
Mit einem Kuß begrüßt Euch unser Feldherr.

ULYSSES
Wer möchte nicht solch reizend Feld behaupten?
Wir folgen Haupt für Haupt dem Mann ins Feld.

NESTOR
Ein trefflich artger Vorschlag! Ich beginne: –
Soviel für Nestor.

ACHILLES
Ich will das Eis von Euern Lippen küssen;
Achill heißt Euch willkommen, schönes Kind!

MENELAUS
Zum Küssen hatt ich hübschen Anlaß sonst –

PATROKLUS
Doch ist das Anlaß nicht zum Küssen jetzt;
Denn so wie ich drang Paris Euch ins Haus,
Und mit dem hübschen Anlaß war es aus.

ULYSSES
O bittre Schmach! All unsrer Leiden Born!
Mit unserm Lebensblut färbt er sein Horn!

PATROKLUS
Der Kuß für Menelaus, der für mich;
Patroklus küßt Euch.

MENELAUS
                      Ei, so abzuziehn!

PATROKLUS
Paris und ich, wir küssen stets für ihn.

MENELAUS
Erlaubt mir, meinen Kuß will ich nicht missen.

CRESSIDA
So sagt: empfangt Ihr oder gebt im Küssen?

[MENELAUS
Ich nehm und geb im Kusse. ]

PATROKLUS
Er nimmt und gibt im Kusse.

CRESSIDA
                            Dann vergönnt:
Ihr nehmt Euch bessern, als Ihr geben könnt;
Drum keinen Kuß.

MENELAUS
Ich zahl Euch Aufgeld, geb Euch drei für einen.

CRESSIDA
Von einem halben Manne nehm ich keinen.

MENELAUS
Ein halber? Und wo wär die andre Hälfte?

CRESSIDA
Die hat Prinz Paris längst sich eingefangen,
Als er mit Eurer Frau davongegangen.

MENELAUS
Ihr schnippt mir an die Stirn.

CRESSIDA
                                O nein, fürwahr!

ULYSSES
Wie bracht Eur Händchen seinem Horn Gefahr?
Darf ich um einen Kuß Euch bitten, Schöne?

CRESSIDA
Ihr dürft!

ULYSSES
            Gern hätt ich einen!

CRESSIDA
                                  Nun, so bittet!

ULYSSES
Um Venus werde mir ein Kuß von dir,
Wenn Helena als Jungfrau lebt, und hier!

CRESSIDA
Sobald die Schuld verfallen, zahl ich sie.

ULYSSES
Dann hat es gute Zeit, Ihr küßt mich nie.

DIOMEDES
Fräulein, ein Wort: ich bring Euch Euerm Vater.
Geht mit Cressida ab.

NESTOR
Sie hat behenden Witz.

ULYSSES
                        Pfui über sie!
An ihr spricht alles, Auge, Wang und Lippe,
Ja selbst ihr Fuß; der Geist der Lüsternheit
Blickt vor aus jedem Glied und Schritt und Tritt.
O diese stets Bereiten, Zungenglatten,
Die Willkomm schielen, eh man sie noch grüßt,
Und weit aufklappen ihres Herzens Buch
Für jeden Lesers Kitzel! Merkt sie euch
Als niedre Beute der Gelegenheit
Und Töchter schnöder Lust.
Trompetenstoß.

ALLE
Trojas Trompete!

AGAMEMNON
                  Seht, es naht der Zug!
Es treten auf Hektor, bewaffnet, Äneas, Troilus , Paris, Helenus und Trojaner mit Gefolge.

ÄNEAS
Heil, Griechenfürsten! Was wird dem zuteil,
Der obsiegt? Oder habt Ihr nicht den Vorsatz,
Daß ein Sieger sei? Sollen die Ritter
Aus aller Kraft sich bis aufs äußerste
Bekämpfen? Oder wird der Streit geschieden
Durch irgendein Gebot und Kampfgericht?
So fragt Euch Hektor.

AGAMEMNON
                       Was ist Hektors Wunsch?

ÄNEAS
Ihm gilt es gleich, er fügt sich der Bestimmung.

ACHILLES
Ganz Hektorn ähnlich, doch sehr zuversichtlich,
Ein wenig stolz, und überaus mißachtend
Den Gegner.

ÄNEAS
             Wenn Achilles nicht, mein Fürst,
Wer seid Ihr?

ACHILLES
               Wenn Achilles nicht, dann nichts.

ÄNEAS
Achilles also. Doch was auch, vernehmt:
In beiden Äußersten von groß und klein
Sind Mut und Stolz in Hektor unerreicht;
Der eine fast so endlos wie das All,
Der andre leer wie nichts. Erwägt ihn recht,
Und was Euch stolz scheint, ist nur Höflichkeit:
Held Ajax ist von Hektors Blute halb,
Zuliebe dem bleibt Hektor halb zu Hause;
Halb Herz, halb Hand, halb Hektor naht er, wo er
Den Bastardhelden sucht, halb Griech, halb Troer.

ACHILLES
Ein Scheingefecht also! Ha, ich versteh Euch!
Diomedes tritt auf.

AGAMEMNON
Hier kommt Fürst Diomed. Auf, edler Ritter,
Stellt Euch zu unserm Ajax; so wie Ihr
Und Lord Äneas ordnen dies Gefecht,
So sei es: ob ein Anlauf, ob ein Gang
Auf Tod und Leben; weil die zwei verwandt,
Ist halb der Kampf erloschen, eh entbrannt.
Ajax und Hektor steigen in den Ring.

ULYSSES
Sie stehn sich gegenüber.

AGAMEMNON
Wer ist der Troer, der so finster schaut?

ULYSSES
Des Priam jüngster Sohn, ein echter Ritter;
Kaum reif, schon unvergleichbar; fest von Wort,
Beredt in Tat und tatlos in der Rede;
Nicht bald gereizt, doch dann nicht bald besänftigt;
Sein Herz wie Hand gleich offen, beide frei:
So gibt er, was er hat, spricht, was er denkt;
Doch gibt er nur, lenkt Urteil seine Güte.
Nie adelt er durch Wort unwürdges Denken;
Mannhaft wie Hektor, doch gefährlicher;
Denn Hektor, selbst in Zornes Glut, bleibt immer
Noch schonungsvoll; doch dieser, kampfentflammt,
Ist rachedurstiger als die Eifersucht.
Man nennt ihn Troilus und baut auf ihn
Die zweite Hoffnung, stark, wie Hektor selbst;
So spricht Äneas, der den Jüngling kennt
Ganz durch und durch und in Geheimgespräch
Im großen Ilion mir ihn so geschildert.
Trompeten. Hektor und Ajax kämpfen.

AGAMEMNON
Der Kampf beginnt.

NESTOR
Nun, Ajax, halt dich brav!

TROILUS
                            Hektor, du schläfst,
Wach auf!

AGAMEMNON
Er führt den Degen gut. So, Ajax!
[Die Trompeten hören auf zu blasen. ]

DIOMEDES
Ihr dürft nicht weiter!
Die Trompeten hören auf zu blasen.

ÄNEAS
                         Prinzen, 's ist genug!

AJAX
Ich bin kaum warm, tun wir noch einen Gang!

DIOMEDES
Wie's Hektor wünscht.

HEKTOR
                       Nun gut denn, sei's geendet!
Du, Fürst, bist meines Vaters Schwestersohn,
Ein Freund und Vetter Priams großem Stamm,
Und der Verwandtschaft Heiligkeit verbietet,
Daß sich der Kampf des Ruhms mit Blut entscheide.
Wär Gräcien dir und Troja so gemischt,
Daß du könntst sagen: Diese Hand ist griechisch,
Und troisch jene; dieses Schenkels Bau
Griechisch, der troisch; meiner Mutter Blut
Rinnt in der rechten Wange, das des Vaters
In jener Unken: beim allmächtgen Zeus,
Hinweg von mir trügst du kein griechisch Glied,
Dem nicht mein Schwert hätt eingeprägt ein Mal
Blutigen Streits! Doch hindern das die Götter,
Daß nur ein Tropfen deines Mutterbluts,
Geheiligt mir, von meinem Todesstahl
Vergossen sei. Laß dich umarmen, Ajax!
Bei dem, der donnert, du hast tüchtge Arme!
Gern läßt sich Hektor so von ihnen fassen!
Dir, Vetter, aller Ruhm!

AJAX
                          Ich dank dir, Hektor!
Du bist ein Mann, zu frei und hoch gesinnt!
Dich töten wollt ich, Vetter, und an Ehre
Durch deinen Fall mir reichen Zuwachs ernten.

HEKTOR
Selbst Neoptolemus, der Wunderheld,
Von dessen Helm lauttönend Fama ruft:
Das ist er selbst, hegt nicht den Wahngedanken,
Daß Ruhm, Hektorn entrissen, seinen mehrte.

ÄNEAS
Von beiden Seiten fragt Erwartung jetzt,
Was ferner ihr beginnt?

HEKTOR
                         Dies unsre Antwort:
Der Ausgang ist Umarmung. – Leb wohl, Ajax!

AJAX
Wenn ich Erfolg der Bitte könnt erwarten,
Der selten mir zuteil wird, lüd ich Euch,
Ruhmvoller Vetter, zu den griechschen Zelten.

DIOMEDES
's ist Agamemnons Wunsch; auch Held Achilles
Möcht ohne Wehr den tapfern Hektor sehn.

HEKTOR
Ruf meinen Bruder Troilus, Äneas,
Und melde diesen friedlichen Besuch
Der Troer Schar, die meiner Rückkunft harrt;
Sie solln heimkehren. – Gib die Hand mir, Vetter;
Ich speis in deinem Zelt mit euern Rittern.
Agamemnon und der Rest der Griechen treten vor.

AJAX
Der Herrscher Agamemnon naht sich uns.

HEKTOR
Sag mir die Namen aller Würdigsten;
Nur den Achilles laß mein spähend Aug
An seiner Hochgestalt und Wucht erkennen.

AGAMEMNON
Streitbarer Held! Willkommen mir, wie einem,
Der solches Feindes gern entledigt wäre.
Doch das ist kein Willkomm; drum red ich klarer:
Vergangnes und Zukünftiges verdeckt
Formloser Schutt und Trümmer des Vergessens;
Doch in der gegenwärtgen Stund entbietet
Dir Treu und Glaub in frommster Lauterkeit,
Abwendig aller schiefen Nebendeutung,
O großer Mann, herzinnige Begrüßung.

HEKTOR
Ich dank dir, hocherhabner Agamemnon.

AGAMEMNON
Zu Troilus
Erlauchter Troilus, nicht mindres Euch.

MENELAUS
Ich grüß Euch wie mein königlicher Bruder;
Du kriegrisch Brüderpaar, sei uns willkommen!

HEKTOR
Wer spricht zu uns?

ÄNEAS
                     Der edle Menelaus.

HEKTOR
O Feldherr, Dank, bei Mavors' Eisenhandschuh!
Verargt mir nicht den seltsamlichen Schwur;
Eur weiland Weib schwört stets bei Venus' Handschuh;
Wohl ist sie – doch sie schickt Euch keinen Gruß.

MENELAUS
Nennt sie nicht jetzt; sie mahnt an tödlich Weh.

HEKTOR
Verzeihung! Ich vergaß mich!

NESTOR
Ich sah dich oft, du tapferer Trojaner,
Wenn du, in Arbeit für den Tod, dir Bahn
Durch unsre Jugend wütig brachst; ich sah dich,
Wie Perseus heiß dein phrygisch Schlachtroß spornend,
Auf vollen Sieg und Kampfpreis oft verzichten.
Vordringend schwangst du hoch ums Haupt dein Schwert,
Und nicht auf den Gefallnen durft es fallen,
So daß ich sprach zu meinen Schlachtgenossen:
Seht Jupiter, wie er dort Leben spendet! –
Dann sah ich dich verschnaufend Atem schöpfen,
Wenn dich ein Kreis von Griechen rings umschloß,
Wie ein olympischer Ringer. Solches sah ich;
Doch dies dein Antlitz, stets in Stahl verriegelt,
Schau ich erst heut. Mit deinem Ältervater
Focht ich einmal; er war ein guter Streiter,
Allein, beim Kriegsgott, unser aller Haupt,
Dir nimmer gleich. Nimm eines Greisen Kuß,
Und unserm Zelt sei, tapfrer Fürst, willkommen!

ÄNEAS
Er ist der alte Nestor.

HEKTOR
Laß dich umarmen, gute, alte Chronik,
Die mit der Zeit so lang schritt Hand in Hand!
Ehrwürdger Nestor, froh umschließ ich dich.

NESTOR
O daß mein Arm dirs gleichtun könnt im Kampf,
Wie er nun kämpft mit dir in Freundlichkeit!

HEKTOR
Ich wünscht es gleichfalls.

NESTOR
                            Ha,
Bei diesem weißen Bart, ich föchte mit dir morgen.
Willkommen denn, willkomm'n! Ich sah die Zeit –

ULYSSES
Mich wundert nur, wie jene Stadt noch steht,
Da wir jetzt ihren Grund und Pfeiler haben!

HEKTOR
Wohl kenn ich Eure Zuge, Fürst Ulyß! –
O Herr, schon mancher Griech und Troer fiel,
Seit ich zuerst Euch sah mit Diomed
In Ilion als Gesandte Griechenlands.

ULYSSES
Da sagt ich Euch vorher, was folgen würde;
Noch weilt auf halbem Weg die Prophezeiung,
Denn jene Mauern, kühn die Stadt umschirmend,
Die Türme, die den Wolken keck sich nähern,
Sie küssen bald den eignen Fuß!

HEKTOR
                                 Ich glaubs nicht!
Da stehn sie noch; bescheiden mein ich auch,
Uns zahlt für jedes phrygschen Steines Fall
Ein Tropfen Griechenblut. Das Ende krönts,
Und jener alte, ewge Richter, Zeit,
Wird einst es enden.

ULYSSES
                      Lassen wir es ihm!
Höchst edler, tapfrer Hektor, seid willkommen!
Nach unserm Feldherrn bitt ich Euch zunächst,
Mein Gast zu sein und mich im Zelt zu sehn.

ACHILLES
Dawider muß ich Einspruch tun, Ulysses!
Nun, Hektor, hast du meinen Blick gesättigt.
Mit scharfem Aug durchforscht ich dich, o Hektor,
Und prüfte Glied für Glied.

HEKTOR
                             Ist dies Achilles?

ACHILLES
Ich bin Achilles.

HEKTOR
Ich bitte, stell dich so, daß ich dich schaue.

ACHILLES
Sieh dich nur satt!

HEKTOR
                     Nun, ich bin fertig schon.

ACHILLES
Du bist zu eilig. Ich durchmustre dich
Noch einmal Zug für Zug, als wärs zum Kauf.

HEKTOR
So wie ein Schwankbuch blätterst du mich durch?
Doch mehr wohl liegt in mir, als du verstehst!
Was will mich so dein Auge niederdrücken?

ACHILLES
Ihr Götter, sagt, an welchem Teil des Körpers
Vernicht ich ihn? Ists hier, dort oder da?
Daß ich genau den Sitz der Wunde nennen
Und scharf das Tor bezeichnen mag, wodurch
Sein großer Geist entflieht. Antwort, ihr Götter!

HEKTOR
Mißziemen würd es heilgen Göttern, Stolzer,
Antwort zu geben solcher Frage. Sprich:
Glaubst du mein Leben so im Scherz zu fangen,
Daß du vorzeichnen willst im scharfen Umriß,
Wo treffen soll der Tod?

ACHILLES
                          Ja, sag ich dir.

HEKTOR
Und wärst du, solches kündend, ein Orakel,
Nicht glaubt ich dir. Hinfort sei auf der Hut!
Denn nicht hier töt ich dich, noch dort, noch da,
Nein, bei dem Hammer, der Mars' Helm geformt,
Dich töt ich, wo's auch sei; ja über und über.
Verzeiht, ihr weisen Griechen, meinem Prahlen;
Sein Hochmut zwingt mich, Törichtes zu reden.
Doch streb ich, so zu tun, wie ich gesprochen,
Sonst mög ich nie –

AJAX
                     Kommt nicht in Eifer, Vetter!
Und Ihr, Achilles, unterlaßt dies Drohen,
Bis Zufall oder Vorsatz wahr es macht.
Genug könnt Ihr von Hektor täglich haben,
Wenn es Euch hungert: doch ganz Griechenland
Bringt Euch wohl kaum mit ihm in Hader, denk ich.

HEKTOR
Ich bitt Euch, laßt im Feld uns Euch begegnen;
Es gab nur kleinen Krieg, seit Ihr verließt
Die griechschen Fahnen.

ACHILLES
                         Du verlangst nach mir?
Dir nah ich morgen, furchtbar wie der Tod –
Heut abend sein wir Freunde!

HEKTOR
                              Wohl, schlag ein!

AGAMEMNON
Vorerst, Ihr griechschen Herrn, kommt in mein Zelt,
Dort wolln wir Tafel halten; und hernach,
Wie Hektors Muß' und Eure Gastlichkeit
Zusammentrifft, bewirtet ihn dann einzeln.
Nun laßt die Pauken, laßt Trompeten schallen:
Willkommen sei der Troerfürst uns allen!
Sie gehn ab. Es bleiben Troilus und Ulysses.

TROILUS
Ich bitt Euch, Fürst Ulysses, gebt mir Kunde,
In welchem Teil des Lagers Kalchas weilt.

ULYSSES
In Menelaus' Zelt, mein edler Prinz;
Dort speiset Diomed rnit ihm zu Nacht,
Der nicht an Erde mehr noch Himmel denkt
Und, ganz von Lieb entflammt, nur Augen hat
Für Fräulein Cressida.

TROILUS
Erzeigt Ihr mir die Huld, mein werter Fürst,
Wann wir verlassen Agamemnons Zelt,
Mich hinzuführen?

ULYSSES
                   Schaltet über mich!
Gleich freundlich sagt, mein Prinz, in welchem Ruf
Hielt Troja diese Schöne? Weint ihr dort
Kein Liebster nach?

TROILUS
O Fürst, wer rühmend prahlt mit seinen Wunden,
Verdient nur Spott. Gehn wir zusammen, Herr?
Sie liebt' und ward geliebt und wirds noch heute,
Doch neidschem Glück ward Liebe stets zur Beute.
Sie gehn ab.






FÜNFTER AKT

ERSTE SZENE

Das griechische Lager. Vor dem Zelt des Achilles


Es treten auf Achilles und Patroklus.

ACHILLES
Mit griechschem Wein durchglüh ich heut sein Blut.
Und mit dem Schwerte kühl ichs morgen ab.
Patroklus, laß uns weidlich mit ihm bechern!

PATROKLUS
Hier kommt Thersites.
Thersites tritt auf.

ACHILLES
                       Nun, du neidsche Schwäre?
Du der Natur verbrannt Gebäck, was gibts?

THERSITES
Nun, du Bildnis dessen, was du scheinst, du Abgott der Dummheit-Anbeter, hier ist ein Brief für dich.

ACHILLES
Von woher, du Brocken?

THERSITES
Nun, du volle Schüssel Narrheit, aus Troja.

PATROKLUS
Wer blieb in den Zelten?

THERSITES
Soll ich von euern Zeltern und Mäulern Rechenschaft geben, Esel?

PATROKLUS
Nicht übel, Scheelsucht; nun, was soll die Bosheit?

THERSITES
Ich bitte dich, Knabe, schweig still; ich lerne nichts aus deinem Geschwätz. Man hält dich für Achills Mannbuben.

PATROKLUS
Mannbuben, du Schurke? Was soll das heißen?

THERSITES
Ei nun, seine männliche Hure. Mögen doch alle faulen Seuchen des Südwinds, Bauchgrimmen, Brüche, Flüsse, Stein- und Rückenschmerzen, Schlafsucht, Lähmung, triefende Augen, verschleimte Lebern, pfeifende Lungen, Eiterbeulen, Hüftweh, verkalkte Finger, unheilbarer Knochenfraß und das Ehrengeschenk der schäbigsten Krätze fallen und nochmals fallen auf so widernatürliche Entdeckungen!

PATROKLUS
Was, du teuflische Gittbüchse du, was willst du mit all diesen Flüchen?

THERSITES
Fluch ich dir?

PATROKLUS
Nein, du wurmstichiges Faß, du verruchter, hündischer Blendling, das nicht.

THERSITES
Nicht? Worüber ereiferst du dich denn, du lose, fasrige Seidenflocke, du grünflorner Schirm für ein böses Auge, du Quast an eines Verschwenders Geldbeutel du? Ach, wie die arme Welt verpestet wird von solchen Wasserfliegen, solchem Wegwurf der Natur!

PATROKLUS
Pfui über dich, Galle!

THERSITES
Finkenei!

ACHILLES
Liebster Patroklus, ganz durchkreuzt der Brief
Mein großes Wollen für den nächsten Morgen.
Es sendet ihn die Königin Hekuba
Und ihre Töchter, meine schöne Buhlin;
Sie beide tadeln und beschwören mich,
Zu halten meinen Eid; ich brech ihn nicht.
Fallt, Griechen, welke, Ruhm, werd Ehre Spreu!
Mein erst Gelübd ist hier, dem bleib ich treu. –
Thersites, geh und ordne mir das Mahl,
Die Nacht durchjubein wir beim Festpokal.
Komm, mein Patroklus!
[Sie gehn ab. ] Geht mit Patroklus ab.

THERSITES
Bei zuviel Blut und zuwenig Hirn können die beiden noch toll werden; wenn sie's aber bei zuviel Hirn und zuwenig Blut werden, so will ich selbst Narren kurieren. Da ist Agamemnon; eine gute, ehrliche Haut und Liebhaber von jungen Schnepfen; aber Gehirn hat er nicht soviel als Ohrenschmalz. Und nun vollends diese unvergleichliche noble Metamorphose des Jupiter, sein Bruder, der Stier – dieser uranfängliche Prototyp und Musterbild der Hahnreie – dies gedeihliche Schuhhorn an der Kette, das an seines Bruders Schenkel hängt – in welche andere Gestalt als seine eigene könnte Bosheit mit Witz gespickt und Witz mit Bosheit gefüllt den umschaffen? In einen Esel? Das wäre nichts; er ist beides, Ochs und Esel. In einen Ochsen? Das wäre nichts; er ist beides, Esel und Ochs. Müßt ich ein Hund sein, ein Maultier, ein Kater, ein Iltis, eine Eidechse, eine Kröte, eine Eule, ein Fischrabe oder ein Hering ohne Rogen, das sollte mir nichts machen; aber ein Menelaus sein? Da würde ich gegen das Fatum rebellieren. Fragt mich nicht, was ich sein möchte, wenn ich nicht Thersites wäre; denn mir wärs gleichviel, die Laus eines Aussätzigen zu werden, müßt ich nur nicht Menelaus sein. – Heida! Geister und Feuer!
Es kommen Hektor, Troilus, Ajax, Agamemnon, Ulysses, Nestor, Menelaus und Diomedes mit Fackeln.

AGAMEMNON
Wir gehn fehl, wir gehn fehl!

AJAX
                               O nein, dort ists,
Wo ihr die Lichter seht!

HEKTOR
                         Ich werd euch lästig.

AJAX
O nicht doch!

ULYSSES
               Seht, er kommt euch selbst entgegen.
Achilles tritt auf.

ACHILLES
Held Hektor und Ihr, Fürsten, seid willkommen!

AGAMEMNON
Nun, gute Nacht, mein edler Prinz von Troja;
Ajax besorgt Euch sichre Ehrenwache.

HEKTOR
Dank und gut Nacht dem Feldherrn Griechenlands!

MENELAUS
Gut Nacht!

HEKTOR
Gut Nacht, liebwerter Menelaus!

THERSITES
Liebwerter Abtritt! Liebwerter – so! Liebwerter Kloak, liebwerter Rinnstein!

ACHILLES
Gut Nacht und Willkomm allen, die da gehn
Und bleiben!

AGAMEMNON
Gute Nacht!
Agamemnon und Menelaus ab.

ACHILLES
Bleibt, Vater Nestor – Ihr auch, Diomed;
Verweilt mit Hektorn hier auf ein paar Stunden!

DIOMEDES
Ich kann nicht, Prinz; mich ruft ein wichtiges
Geschäft, das dringend mahnt. Gut Nacht, Held Hektor!

HEKTOR
Gebt mir die Hand!

ULYSSES
beiseit zu Troilus.
Er geht zu Kalchas' Zelt, folgt seiner Fackel;
Ich geb Euch das Geleit.

TROILUS
                          Viel Ehre, Herr!

HEKTOR
Nun denn, gut Nacht!
Diomedes geht ab; Ulysses und Troilus folgen ihm.

ACHILLES
                      Kommt, tretet in mein Zelt!
[Sie gehn nach verschiedenen Seiten ab. ] Alle außer Thersites gehen ab.

THERSITES
Der Diomed da ist ein falscher Schurke, eine recht tückische Bestie. Ich traue ihm so wenig, wenn er von der Seite schielt, als einer Schlange, wenn sie zischt; er hat ein so weites, freigebiges Maul für Versprechungen wie ein kläffender Hund; aber wenn er sie erfüllt, prophezeien die Sterndeuter daraus: es ist ein Wunderzeichen, das eine Umwälzung ankündigt; die Sonne borgt vom Monde, wenn Diomed Wort hält. Ich will lieber den Hektor nicht sehn, als diesem nicht nachspüren; man sagt, er hält sich eine trojanische Metze, und der Verräter Kalchas leiht ihm sein Zelt; ich will ihm nach. Nichts als Unzucht! Lauter liederliche Spitzbuben!
Geht ab.




ZWEITE SZENE

Das griechische Lager. Vor Kalchas' Zelt


Diomedes tritt auf.

DIOMEDES
Heida! Seid ihr noch wach hier? Holla! Sprecht!

KALCHAS
drinnen.
Wer ruft hier?

DIOMEDES
                Diomed.
's ist Kalchas, denk ich. Wo ist Eure Tochter?

KALCHAS
drinnen.
Sie kommt zu Euch.
Troilus und Ulysses kommen and stellen sich in den Hintergrund des Zelts; nach ihnen Thersites.

ULYSSES
Bleibt stehn, daß uns die Fackel nicht verrate.
Cressida tritt auf.

TROILUS
Was, Cressida, die zu ihm kommt?

DIOMEDES
Wie gehts, mein Mündel?

CRESSIDA
                         Lieber Vormund, hört,
Ein Wort mit Euch.
Sie spricht leise mit Diomedes.

TROILUS
                    Und so vertraulich?

ULYSSES
Sie spielt Euch jedem auf, beim ersten Anblick.

THERSITES
Und jeder spielt sie vom Blatt, wenn er den Schlüssel weiß; sie ist notiert.

DIOMEDES
Willst du dran denken?

CRESSIDA
Dran denken? Ja!

DIOMEDES
                  Nun gut, vergiß es nicht,
Und laß die Tat zu deinen Worten stimmen.

TROILUS
Was soll sie nicht vergessen?

ULYSSES
                               Lauscht!

CRESSIDA
                                         Nicht weiter
Verlocke mich zur Torheit, süßer Grieche!

THERSITES
O ihr Gesindel!

DIOMEDES
                 Nun denn –

CRESSIDA
                             Hör mich an!

DIOMEDES
Nichts, nichts da; Kinderei! Du hältst nicht Wort!

CRESSIDA
Wirklich, es geht nicht. Was verlangst du denn?

THERSITES
'nen Diebesdietrich für geheime Fächer.

DIOMEDES
Was hast du zugesagt? Was schwurst du mir?

CRESSIDA
Ich bitte dich, besteh nicht auf dem Schwur;
Nur das begehre nicht, mein süßer Grieche!

DIOMEDES
Gut Nacht!

TROILUS
            O Wut!

ULYSSES
                    Still, Troer!

CRESSIDA
                                   Diomed –

DIOMEDES
Nein, nicht gut Nacht; ich bin dein Narr nicht länger.

TROILUS
Dein Beßrer muß es sein!

CRESSIDA
                          Ein Wort ins Ohr!

TROILUS
O Tod und Wahnsinn!

ULYSSES
Ihr seid bewegt, Prinz; laßt uns fort, ich bitt Euch,
Daß Euer Schmerz sich nicht entladen möge
Zu wütger Tat. Der Ort hier ist gefährlich,
Die Zeit todbringend; ich beschwör Euch, kommt!

TROILUS
Seht nur, o seht!

ULYSSES
                   Entfernt Euch, werter Prinz,
Ihr seid dem Wahnsinn nah; kommt, lieber Herr!

TROILUS
Ich bitt Euch, bleibt!

ULYSSES
                        Ihr habt nicht Fassung, kommt!

TROILUS
Ich bitt Euch, bleibt. Bei Höll und Höllenqual,
Ich rede nicht ein Wort.

DIOMEDES
                          Nun denn, gut Nacht!

CRESSIDA
Du gehst doch nicht in Zorn?

TROILUS
                              Das kümmert dich?
Verwelkte Treu!

ULYSSES
                 Still, Prinz!

TROILUS
                                Beim Jupiter,
Ich schweige!

CRESSIDA
               Mein Beschützer – lieber Grieche –

DIOMEDES
Pah, pah! Lebt wohl! Ihr habt mich nur zum besten!

CRESSIDA
Nein, ganz gewiß nicht! Kommt noch einmal her!

ULYSSES
Ihr schreckt zusammen, Prinz – wollt Ihr nun gehn?
Ihr brecht noch los!

TROILUS
                      Sie streicht die Wang ihm!

ULYSSES
                                                   Kommt!

TROILUS
Nein, bleibt! Beim Zeus, ich rede nicht ein Wort!
Geduld hält Wache zwischen meinem Willen
Und aller Kränkung. Bleibt nur noch ein wenig!

THERSITES
Wie der Unzuchtteutel mit dem feisten Bauch und dem Kartoffelfinger die zwei zusammenkitzelt! Siede, Liederlichkeit, siede!

DIOMEDES
So willst du wirklich?

CRESSIDA
Nun ja, ich will, sonst trau mir niemals wieder!

DIOMEDES
Gib mir zur Sicherheit ein Unterpfand!

CRESSIDA
Ich hole dirs.
Cressida geht ab.

ULYSSES
Ihr schwurt Geduld!

TROILUS
                     Seid unbesorgt! Ich will
Ich selbst nicht sein, will mir bewußt nicht werden,
Was ich empfinde; ich bin ganz Geduld.
Cressida kommt zurück.

THERSITES
Nun kommt das Pfand; jetzt, jetzt, jetzt!

CRESSIDA
Hier, Diomedes, trag die Ärmelkrause!

TROILUS
O Schönheit! Wo ist deine Treu?

ULYSSES
                                 Mein Prinz –

TROILUS
Ich will ja ruhig sein; von außen will ichs.

CRESSIDA
Ihr seht die Kraus' Euch an; beschaut sie wohl!
Er liebte mich! O Falsche! – Gebt sie wieder!

DIOMEDES
Wes war sie?

CRESSIDA
              Gleichviel wes! Ich hab sie wieder.
Ich werd Euch nicht erwarten morgen nacht;
Ich bitt dich, Diomed, besuch mich nicht!

THERSITES
Nun wetzt sie; recht so, Schleifstein!

DIOMEDES
Ich muß sie haben.

CRESSIDA
                    Was?

DIOMEDES
                          Nun, diese da!

CRESSIDA
O Götter! O du liebes, liebes Pfand!
Dein Herr liegt jetzt im Bett und denkt gewiß
An dich und mich und seufzt; nimmt meinen Handschuh
Und gibt ihm manchen süßen Kuß gedenksam,
So wie ich dir. Nein, reiß sie mir nicht weg;
Wer diese nimmt, muß auch mein Herz mitnehmen.

DIOMEDES
Dein Herz war mein schon; dieses folgt ihm nach!

TROILUS
Ich schwur Geduld!

CRESSIDA
Dies kriegst du nicht, nein, wahrlich, Diomed!
Ich geb dir etwas andres.

DIOMEDES
Ich will dies Pfand; wes wars?

CRESSIDA
                                Das gilt ja gleich.

DIOMEDES
Komm, sag, von wem dirs kam?

CRESSIDA
Von einem, der mich mehr geliebt als du;
Doch nun es dein, behalt es.

DIOMEDES
                              Wessen wars?

CRESSIDA
Bei Diana selbst und ihren Nymphen dort,
Das werd ich dir nicht sagen.

DIOMEDES
Ich trag es morgen früh an meinem Helm
Und kränk ihn, ders nicht wagt, zurückzufordern.

TROILUS
Wärst du der Teufel, der es trüg am Horn,
Gefordert soll es werden.

CRESSIDA
Nun gut, 's ist aus, vorbei! Nein, doch nicht aus!
Ich will mein Wort nicht halten!

DIOMEDES
                                  Leb denn wohl!
Du neckst den Diomed zum letztenmal.

CRESSIDA
So bleibe doch! Sagt man auch nur ein Wort,
Gleich fährst du auf!

DIOMEDES
                       Ich hasse solche Possen.

THERSITES
Ich auch, beim Pluto! Doch was dir mißfällt,
Behagt mir just am besten.

DIOMEDES
Nun, soll ich kommen? Wann?

CRESSIDA
                             Ja, komm. O Zeus,
Komm nur! Schlimm wird mirs gehn!

DIOMEDES
                                   Leb wohl so lange!
[Geht ab. ]

CRESSIDA
Gut Nacht! – Ich bitt dich, komm! –
Diomedes geht ab.
                                      Ach, Troilus,
Noch blickt mein eines Auge nach dir hin,
Das andre wandte sich, so wie mein Sinn.
Wir armen Fraun, wir dürfens nicht verhehlen:
Des Augs Verirrung lenkt zugleich die Seelen.
Was Irrtum führt, muß irrn; so folgt denn, ach:
Vom Blick betört, verfällt die Seel in Schmach.
Ab.

THERSITES
Das sind untrüglich folgerechte Sätze;
Noch richtger: Meine Seele ward zur Metze!

ULYSSES
So wars denn aus!

TROILUS
                   Ja, aus!

ULYSSES
                             Wozu noch bleiben?

TROILUS
Um mirs im Geist recht tief noch einzuprägen,
Silbe für Silbe, was ich hier gehört.
Doch, sag ich, wie die beiden hier gehandelt,
Werd ich, das Wahre kündend, dann nicht lügen?
Denn immer noch wohnt mir ein Glaub im Herzen,
Ein Hoffen also fest und unverwüstlich,
Das leugnet, was mir Aug und Ohr bezeugt;
Als wenn die Sinne, uns zum Trug erschaffen,
Nur als Verleumder tätig hier gewirkt.
Wars Cressida?

ULYSSES
                Denkst du, ich banne Geister?

TROILUS
Gewiß, sie wars nicht!

ULYSSES
                        Ja, gewiß, sie wars.

TROILUS
Nun, mein Verleugnen schmeckt doch nicht nach Tollheit?

ULYSSES
Auch meins nicht. Cressida war eben hier.

TROILUS
Um aller Frauen Ehre, glaubt es nicht!
Denkt, daß wir Mütter hatten, laßt nicht zu,
Daß rohe Lästrer, die auch ohne Grund
Die Fraun erniedern, jedes Weib nun messen
Nach Cressida! Eh'r denkt, sie war es nicht!

ULYSSES
Was tat sie, unsre Mütter zu beflecken?

TROILUS
Nichts, gar nichts, wenn dies Cressida nicht war.

THERSITES
Will er seinen Augen einen blauen Dunst vormachen?

TROILUS
Dies wäre sie?
Nein, dies ist Diomedes' Cressida!
Hat Schönheit Seele, dann war sie es nicht.
Wenn Seele Eide zeugt, wenn Eide heilig,
Wenn Heiligkeit den Göttern Wonne ist,
Wenn Maß und Ordnung in der Einheit walten,
Dann war sie's nicht. O Wahnsinn der Gedanken,
Der Gründe aufstellt für und gegen sich!
Zweideutige Gewalt! Wo sich Vernunft
Empört und nicht vernichtet, wo Verlust
Alle Vernunft mit fortreißt ohn Empörung,
So war dies Cressida und war es nicht!
In meiner Seele hebt ein Kämpfen an
Seltsamster Art, das ein unteilbar Wesen
Mehr voneinander reißt als Erd und Himmel!
Und doch gewährt die weitgespaltne Kluft,
Um einzudringen, nicht den kleinsten Zugang
Für einen Punkt, fein wie Arachnes Faden.
Beweis, Beweis, so fest wie Plutos Pforte:
Ein Himmelsband schließt mich an Cressida –
Beweis, Beweis, fest wie der Himmel selbst:
Das Himmelsband ist mürb, erschlafft, gelöst.
Ein andrer Knoten, den fünf Finger knüpften,
Schlingt jetzt die Trümmer ihrer Lieb und Treu,
Den Abhub, Nachlaß, Rest und ekle Brocken
Der abgestandnen Lieb, um Diomed.

ULYSSES
Und kann der würdge Troilus nur halb
Das fühlen, was der Wahnsinn aus ihm spricht?

TROILUS
Ja, Griech, und offenkundig solls erscheinen
In Lettern purpurrot wie Mavors' Herz,
Entflammt von Venus! Nimmer liebt' ein Jüngling
Mit so unendlich ewig fester Treu!
Hör, Grieche, wie ich Cressida geliebt,
Ganz so unendlich haß ich Diomed.
Die Kraus' ist mein, die er am Helm will tragen;
Und war der Helm ein Schmiedewerk Vulkans,
Mein Schwert zerschnitt' es; nicht der grause Schall
Des Meers, den Schiffer Hurricano nennen,
Durch den allmächtgen Sol zum Berg verdichtet,
Betäubt mit mehr Gekrach das Ohr Neptuns
Im Niedersturz, als meines Schwertes Wucht
Einschmettern soll auf Diomed.

THERSITES
Er wird ihn kitzein für seine Fleischeslust!

TROILUS
O falsche Cressida! O falsch, falsch, falsch!
Zu deinem schnöden Namen hingestellt,
Glänzt alle Untreu rein!

ULYSSES
                          Bezähmt Euch, Prinz!
Eur Toben wird gehört!
Äneas tritt auf.

ÄNEAS
Seit einer Stunde such ich Euch, mein Prinz;
Hektor legt schon die Waffen an in Troja,
Und Ajax, Eur Geleitsmann, harrt auf Euch.

TROILUS
Ich steh zu Dienst. – Mein gütger Fürst, lebt wohl! –
Falsche, fahr hin! Und stürze, Diomed,
Ob auch ein Turm auf deinem Haupte steht!

ULYSSES
Ich bring Euch bis ans Tor.

TROILUS
                             Empfangt verwirrten Dank.
Troilus, Äneas und Ulysses ab.

THERSITES
Käme mir nur der Schurke Diomed in den Wurf, ich wollte krächzen wie ein Rabe! Dem wollt ich – dem wollt ich prophezeien! Patroklus gibt mir, was ich will, wenn ich ihm von dieser Hure sage; kein Papagei tut mehr für eine Mandel, als er für eine willige Metze. Unzucht, Unzucht; lauter Krieg und Liederlichkeit; die bleiben immer in der Mode. Daß ein brennender Teufel sie holte!
Er geht ab.




DRITTE SZENE

Troja, vorm Palast des Priam


Hektor und Andromache treten auf.

ANDROMACHE
Wann war mein Gatte je so schlimm gelaunt,
Sein Ohr zu schließen einer Warnungsstimme?
Leg ab die Waffen, kämpfe heute nicht!

HEKTOR
Du zwingst mich, hart zu sein; geh nun hinein!
Bei allen ewgen Göttern, ich will kämpfen!

ANDROMACHE
Mein Traum weissagt ein Unglück diesem Tag!

HEKTOR
Nichts weiter, sag ich!
Kassandra kommt.

KASSANDRA
                         Wo ist mein Bruder Hektor?

ANDROMACHE
Bewaffnet, Schwester, und auf Blut gestellt.
Stimm ein mit mir in lautem, heftgem Flehn!
Beschwören wir ihn kniend; denn mir träumte
Von blutgem Wirrwarr, und die ganze Nacht
Sah ich Phantome nur und Mordgestalten.

KASSANDRA
Oh, das trifft ein!

HEKTOR
                     Laß die Trompete schallen!

KASSANDRA
Kein Ton zum Angriff; Gott verhüt es, Bruder!

HEKTOR
Hinweg, die Götter hörten meinen Schwur!

KASSANDRA
Taub sind die Götter raschen, törgen Eiden;
Das sind entweihte Spenden, mehr verhaßt
Als fleckige Lebern eines Opfertiers!

ANDROMACHE
O laß dir raten! Acht es nicht für heilig,
Durch Rechttun schaden. Gleich erlaubt ja wärs,
Was wir als Dieb errungen, zu verschenken,
Und aus barmherzger Liebe Raub begehn.

KASSANDRA
Der gute Vorsatz leiht dem Eid die Kraft,
Nicht Eid auf jeden Vorsatz darf uns binden.
Entwaffne dich, mein Hektor!

HEKTOR
                              Laßt mich, Fraun,
Denn meine Ehre trotzt des Schicksals Sturm.
Das Leben gilt uns teuer, doch teurer Mut
Hält Ehr um vieles teurer als das Leben.
Troilus kommt.
Nun, junger Mann, denkst du zu fechten heut?

ANDROMACHE
Kassandra, ruf den Vater, ihm zu raten!
Kassandra geht ab.

HEKTOR
Nein, junger Troilus, leg die Rüstung ab!
Heut hab ich hohen Mut zur Ritterschaft!
Laß wachsen erst die Sehnen stark und fest
Und noch versuche nicht den Sturm der Schlacht!
Entwaffne dich, mein Knab, und glaubs dem Starken,
Heut schirmt er dich, sich selbst und Trojas Marken.

TROILUS
Bruder, in deiner Großmut wohnt ein Fehl,
Der mehr dem Löwen ziemte als dem Mann.

HEKTOR
Was für ein Fehl, mein Troilus? Schilt mich drum!

TROILUS
Oft, wenn gefangne Griechen stürzten hin,
Schon vor dem Wehn und Sausen deines Schwerts,
Riefst du: Steht auf und lebt!

HEKTOR
                                So spielen Helden!

TROILUS
So spielen Narrn, beim Zeus!

HEKTOR
                              Wie das? Wie das?

TROILUS
Um aller Götter willen,
Dies Klausnermitleid laß bei unsrer Mutter;
Doch haben wir den Panzer umgeschnallt,
Dann schweb auf unsern Schwertern giftge Rache,
Das Mitleid zügelnd und mit Leid sie spornend.

HEKTOR
Pfui, Wilder, pfui!

TROILUS
                     Hektor, dann ist es Krieg!

HEKTOR
Heut wünscht ich, Troilus, du bliebest heim!

TROILUS
Wer hielte mich zurück?
Nicht Schicksal, nicht Gehorsam, selbst nicht Mars
Mit feurigem Stab gebietend meinen Rückzug;
Nicht Hekuba noch Priam auf den Knien,
Mit Augen rot von bittrer Tränen Salz,
Noch du, mein Bruder, mir mit tapterm Schwert
Entgegendrohend, sperrtest mir den Weg,
Als durch den Tod.
Kassandra kommt zurück mit Priamus.

KASSANDRA
Leg Hand an ihn, o Priam, halt ihn fest!
Er ist dein Stab; verlierst du deine Stütze,
Auf ihn gelehnt und Trojas Volk auf dich,
Sinkt alles hin mit eins.

PRIAMUS
                           Bleib, Hektor, bleib!
Dein Weib sah Träume, deine Mutter Zeichen,
Kassandra weissagt Unglück, und ich selbst,
Wie ein Prophet in plötzlicher Verzückung,
Verkünde dir, der Tag ist voll Verhängnis!
Drum kehr zurück!

HEKTOR
                   Äneas harrt im Feld,
Und manchem Griechen hab ichs zugesagt,
Ins Angesicht des Ruhms, an diesem Morgen
Mich ihm zu stellen.

PRIAMUS
                      Dennoch sollst du bleiben!

HEKTOR
Ich darf mein Wort nicht brechen.
Ihr kennt mich pflichtgedenk; drum, teurer Herr,
Laßt mich die Ehrfurcht nicht verletzen; laßt
Auf Eur Geheiß und Wort dem Lauf mich folgen,
Den Ihr mir jetzt verweigert, hoher Fürst.

KASSANDRA
O Priam, gib nicht nach.

ANDROMACHE
                          Tu's nicht, mein Vater!

HEKTOR
Andromache, ich bin erzürnt auf dich.
Bei deiner Liebe fordr ichs, geh hinein!
Andromache ab.

TROILUS
Die abergläubsche, tolle Träumerin
Schafft all die Angst.

KASSANDRA
                        Leb wohl, mein teurer Hektor!
Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug erbleicht!
Sieh, wie dein Blut aus vielen Wunden strömt!
Horch Trojas Wehruf, Hekubas Geheul,
Den lauten Jammerschrei Andromaches!
O sieh Verzweiflung, Wahnsinn, wild Entsetzen
Gleich tollen Larven durcheinander rennen
Und rufen: Hektor! Hektor fiel! O Hektor!

TROILUS
Hinweg! Hinweg!

KASSANDRA
Leb wohl! – Doch still! Nie sehen wir uns wieder;
Du täuschest dich und stürzest Troja nieder!
Sie geht ab.

HEKTOR
Du staunst, o Herr, ob ihrem Weheruf!
Geh, sprich dem Volk Mut ein, wir wolln zur Schlacht
Und tapfre Tat dir künden noch vor Nacht.

PRIAMUS
Leb wohl, die Götter leihn dir ihren Schutz!
Priamus und Hektor getrennt ab. Kriegslärm.

TROILUS
Die Schlacht beginnt. Auf, Diomed, zum Reigen!
Und gälts den Arm, der Ärmel wird mein eigen!
Pandarus kommt.

PANDARUS
Hört doch, mein bester Prinz, o hört doch!

TROILUS
Was gibts?

PANDARUS
Hier ist ein Brief von dem armen Kinde.

TROILUS
Laß sehn!

PANDARUS
Ein verwettertes Asthma, ein verwettertes, niederträchtiges Asthma setzt mir so zu und obendrein das närrische Schicksal der Dime, und bald das eine und bald das andre, daß ich Euch nächster Tage draufgehn werde. Und außerdem ein Fluß auf dem Auge und solch ein Reißen im Gebein, daß mich wer behext haben muß, oder ich weiß nicht, was ich davon denken soll. – Was schreibt sie denn?

TROILUS
Nur Wort' und Worte, aus dem Herzen nichts.
[Zerreißt den Brief. ]
Die Wirklichkeit vertolgt ganz andern Weg.
Zerreißt den Brief.
Geh Wind zum Wind; da dreht und wirbelt fort!
Mit Trug und Wort will sie mein Lieben krönen,
Und ihre Taten spart sie auf für jenen.
Sie gehn getrennt ab.




VIERTE SZENE

[Vor Troja ] Die Ebene zwischen Troja und dem griechischen Lager


Schlachtlärm. Thersites tritt auf.

THERSITES
Nun hämmern sie aufeinander los, und ich will mirs ansehn. – Der heuchlerische, boshafte Bube Diomed hat jenes lumpigen, verliebten, dummen, trojanischen jungen Gelbschnabels Ärmelkrause an seinen Helm gesteckt; ich wollte, sie gerieten aneinander, und daß unser junger Esel aus Troja, der die Metze dort liebt, dem schurkischen, griechischen Dirnenjäger mit seiner Krause auf dem Weg zu der heuchlerischen, liederlichen Hure einmal recht heimleuchtete! Und nun auf der andern Seite, die Staatsweisheit dieser ränkevollen, hochbeteuernden Schurken – des alten, abgestandenen, mauszerfressenen, dürren Käse Nestor und des Schelmenfuchses Ulysses – die ist nun, wie sichs ausweist, keine Heidelbeere wert. Da hetzen sie in ihrer Staatskunst den Blendlings-Bullenbeißer Ajax gegen den ebenso schlechten Köter Achilles auf, und nun ist Köter Ajax stolzer als Köter Achilles und – will heut nicht ins Feld, so daß die Griechen anfangen, es mit der Barbarei zu halten, und die Staatsweisheit in Verruf kommt.
Diomedes tritt auf, Troilus folgt ihm.
Still! Hier sehe ich Ärmel und den andern.
[Diomedes und Troilus treten auf. ]

TROILUS
Flieh nicht! Denn schirmte dich die Flut des Styx,
Ich schwömme nach!

DIOMEDES
                    Rückzug ist keine Flucht;
Ich fliehe nicht; aus guter Vorsicht nur
Entzog ich mich der überiegnen Zahl.
Nun sieh dich vor!
[Sie gehn fechtend ab. ]

THERSITES
Wehr dich für deine Metze, Grieche! Ficht für deine Metze, Trojaner! Nun gilts die Krause! Nun gilts die Krause!
Troilus und Diomedes gehn kämpfend ab.
Hektor tritt auf.

HEKTOR
Wer bist du, Grieche? Bist du Hektors würdig?
Von echtem Blut und Ehre?

THERSITES
Nein, nein, ich bin ein Schuft, ein schäbiger, schmähsüchtiger Bube, ein recht armseliger Lump.

HEKTOR
Ich glaube dir, drum lebe!
Hektor geht ab.

THERSITES
Gott Lob und Dank, daß du mir glauben willst, aber die Pest breche dir den Hals, daß du mich so erschreckt hast. – Was ist aus den liederlichen Bengeln geworden? Ich denke, sie haben einander aufgefressen; über das Wunder wollt ich mich totlachen. Und doch frißt sich auf gewisse Weise die Liederlichkeit selbst auf. Ich will sie suchen.
Er geht ab.




FÜNFTE SZENE

[Daselbst ] Ein anderer Teil der Ebene


Diomedes und ein Diener treten auf.

DIOMEDES
Geh, Knappe, nimm das Pferd des Troilus
Und bring das gute Roß an Cressida,
Entbiete meinen Ritterdienst der Schönen,
Sag, der verliebte Troer sei gezüchtigt,
Und ich ihr treubewährter Held.

DIENER
                                 Ich gehe.
Ab.
Agamemnon tritt auf.

AGAMEMNON
Drauf, drauf! Der wütge Polydamus
Erschlug Menon; Bastard Margarelon
Siegt über Doreus,
Steht als Koloß und schwenkt den Weberbaum
Hoch überm hingestreckten wunden Leib
Der Fürsten Cedius und Epistrophus.
Polyxenes ist tot; Amphimachus
Und Thoas schwer verwundet; tot Patroklus,
Wenn nicht gefangen; Ritter Palamedes
Tödlich verletzt; der grimme Bogenschütz
Schreckt unsre Reihn. Eilt, Diomed, wir holen
Verstärkung, sonst erliegt das ganze Heer.
Nestor kommt.

NESTOR
Geht, tragt Patroklus' Leiche zum Achill!
Der träge Ajax waffne sich aus Scham!
Wohl tausend Hektors schalten heut im Feld:
Nun kämpft er hier, vom Rosse Galathee,
Uad alles stürzt; gleich ist er dort zu Fuß,
Und alles weicht ihm oder stirbt wie Fischbrut
Im Rachen eines Hais; dann kehrt er wieder,
Da falln die Griechen, reif für seine Waffe,
Wie Halme nieder als des Mähers Schwaden.
Hier, dort und allwärts schneidet er und rafft,
Und so gehorcht Gewandtheit seiner Lust,
Daß, was er will, er tut; und tut so viel,
Daß solch Gelingen scheint Unmöglichkeit.
Ulysses tritt auf.

ULYSSES
Mut, Mut gefaßt, ihr Fürsten! Held Achill
Greift zu den Waffen, weint, flucht, dürstet Rache.
Patroklus' Fall erregt sein schläfrig Blut,
Und sein verstümmelt Myrmidonenvolk,
Das hand- und nasenlos, zerhackt, ihn anschreit,
Hektorn verklagend. – Ajax verlor den Freund
Und schäumt vor Wut und naht in Waffen schon,
Brüllend nach Troilus, der, wie im Wahnsinn,
Unglaublich, übermenschlich heut gemordet,
Einstürzend in den Drang, sich draus befreiend
Mit so sorgloser Kraft und schwacher Sorgfalt,
Als ob ein solch Gelingen recht zum Trotz
Der Klugheit alles ihn gewinnen hieße.
Ajax kommt.

AJAX
Troilus! Du Memme, Troilus!
Ab.

DIOMEDES
                             Dort, dort!

NESTOR
Nun ziehts mit allen Strängen!
[Sie gehn ab. ] Geht ab.
Achilles kommt.

ACHILLES
                                Wo ist Hektor?
Komm, Knabenwürger, zeig mir dein Gesicht.
Sieh, was es heißt, Achilles' Zorn begegnen!
Hektor! Wo ist Hektor? Ich will einzig Hektor!
[Geht ab. ] Sie gehn ab.




SECHSTE SZENE

[Daselbst ] Ein anderer Teil der Ebene


Ajax tritt auf.

AJAX
Troilus! Du Memme Troilus, laß dich sehn!
Diomedes kommt.

DIOMEDES
Troilus, dich ruf ich; wo ist Troilus?

AJAX
Was willst du?

DIOMEDES
                Züchtgen will ich ihn.

AJAX
Wär ich der Feldherr, meine Würd empfingst du
Eh'r als dies Zuchtamt. Troilus, sag ich, Troilus!
Troilus kommt.

TROILUS
O falscher Diomed! Hieher, Verräter,
Und büß mit deinem Leben für mein Roß!

DIOMEDES
Ha, bist du da?

AJAX
Ich kämpf allein mit ihm; weg, Diomed!

DIOMEDES
Er ist mein Kampfpreis, müßig bleib ich nicht.

TROILUS
Kommt beid, ihr falschen Griechen, steht mir beide! –
Sie gehn kämpfend ab. Hektor kommt.

HEKTOR
's ist Troilus: o recht brav, mein jüngster Bruder!
Achilles kommt.

ACHILLES
Nun seh ich dich; so komm und steh mir, Hektor!
[Sie fechten. ]

HEKTOR
Verschnaufe, wenn du willst!

ACHILLES
[fechtend. ]
Hohn deiner Höflichkeit, du stolzer Troer!
Sei froh, daß meine Waffen außer Übung! –
Mein Ruhn und Lässigsein kommt dir zugut;
Doch alsobald vernimmst du mehr von mir.
Bis dahin geh auf gutes Glück!
Ab.

HEKTOR
                               Leb wohl!
Ich wär zum Kampf ein frischrer Mann gewesen,
Hätt ich auf dich gewartet. –
Troilus kommt zurück.
                               Nun, mein Bruder?
[Troilus kommt zurück. ]

TROILUS
Ajax fing den Äneas! Dulden wirs?
Nein, bei dem Lichtglanz des erhabnen Himmels,
Er darf ihn nicht behalten, ich errett ihn,
Und sollt ich fallen. Schicksal, hör mein Wort:
Mich kümmerts nicht, raffst du mich heute fort.
Geht ab. Einer in einer Rüstung tritt auf.
[
Ein Grieche in einer sehr schönen Rüstung tritt auf. ]

HEKTOR
Steh, Grieche, steh! Du bist ein weidlich Ziel.
Nicht? – Willst du nicht? – Dein Panzer dünkt mich schön;
Ich klopf ihn dir und brech ihm alle Nieten,
Bis er mein eigen. – Läufst du. Tier, so schnell?
Flieh immerhin! Ich jage nur dein Fell.
[Geht ab. ] Sie gehen ab.




SIEBENTE SZENE

[Daselbst ] Ein anderer Teil der Ebene


Achilles tritt auf mit einem Gefolge von Myrmidonen.

ACHILLES
Kommt um mich her, ihr, meine Myrmidonen,
Vernehmt mein Wort: Folgt mir, wohin ich führe;
Tut keinen Streich, erhaltet frisch die Kraft;
Doch wenn der blutge Hektor uns erscheint,
Dann rings mit euren Lanzen pfählt ihn ein
Und ohn Erbarmen braucht mir eure Waffen.
Folgt, Knappen, schaut mir nach, wohin ich leite;
Held Hektor sei des Todes sichre Beute!
Sie gehn ab.




[ACHTE SZENE


Daselbst


Thersites, Menelaus und Paris treten auf. ]
Menalaus und Paris treten auf, sie kämpfen; Thersites kommt dazu.

THERSITES
Der Hahnrei und der Hahnreimacher sind aneinander! Nun drauf los, Stier! Drauf los, Köter! Faß ihn, Paris, faß! – Frisch, du Spatz mit der zweimännigen Henne; faß, Paris, faß! – Der Stier hat den Vorteil; nimm dich vor den Hörnern in acht, ho! –
Paris und Menelaus ab. Margarelon tritt auf.

MARGARELON
Komm, Sklav, und ficht!

THERSITES
Wer bist du?

MARGARELON
Ein Bastardsohn des Priamus.

THERSITES
Ich bin auch ein Bastard; ich liebe die Bastarde; ich bin ein eingefleischter Bastard, ein ausgelernter Bastard, ein Bastard an Geist, Bastard an Herz, in allen Dingen illegitim. Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, warum sollts ein Bastard? Sieh dich vor; der Kampf wäre für uns gegen alle Religion: Wenn der Sohn einer Hure für eine Hure ficht, so ist kein Menschenverstand drin. Leb wohl, Bastard!
Geht ab.

MARGARELON
Hol dich der Teufel, Memme!
[Gehn ab. ] Geht ab.




[NEUNTE ] ACHTE SZENE

[Daselbst ] Ein anderer Teil der Ebene


Hektor tritt auf.

HEKTOR
Du ganz verfaulter Kern, so schön von außen,
Dein schmucker Panzer brachte dir den Tod. –
Mein Tagwerk ist getan, gekühlt mein Mut;
Ruh jetzt, mein Schwert, du schwelgtest heut in Blut.
Er legt Helm und Schild ab.
Achilles kommt mit seinen Myrmidonen.

ACHILLES
Sieh, Hektor, wie die Sonne sinkt herab
Und schwarze Nacht auf ihren Spuren keucht;
Und wenn die Sonn im Dunkel niederschwebt,
Erlischt der Tag, und Hektor hat gelebt.

HEKTOR
Entwaffnet bin ich, drum wirst du nicht fechten!

ACHILLES
Schlagt, Burschen, schlagt! Wir trafen hier den Rechten. –
Hekfor fällt.
So, Ilion, fall auch du! Troja, stürz ein!
Hier liegt dein Herz, dein Nerv und dein Gebein.
Auf, Myrmidonen, ruft aus aller Macht:
Achilles hat den Hektor umgebracht!
Es wird zum Rückzug geblasen.
Horch! Rückzug wird geblasen von den Griechen!

MYRMIDONE [N ]
Im Troerfeld ertönt der gleiche Schall.

ACHILLES
Die Nacht mit Drachenflügeln deckt die Flur
Und trennt die Scharen mit dem Heroldstab.
Schlaf nun vergnügt, mein halbgesättigt Schwert,
Das gern noch mehr so leckern Fang verzehrt;
Steckt sein Schwert in die Scheide.
Kommt, knüpft den Leib an meines Rosses Schweife,
Daß ich ihn so um Trojas Mauern schleife.
Sie gehn ab. [Es wird zum Rückzug geblasen. ]




[ZEHNTE ] NEUNTE SZENE

[Daselbst ] Ein anderer Teil der Ebene


Es wird zum Rückzug geblasen. Freudenrufe. Es treten auf Agamemnon, Ajax, Nestor, Menelaus, Diomedes und andere im Marsch. [Draußen Freudengeschrei. ]

AGAMEMNON
Horch, welch ein Freudenruf?

NESTOR
                              Still, Trommeln, still!

SOLDATEN
hinter der Szene.
Achilles hoch! Fürst Hektor fiel! Achilles!

DIOMEDES
Sie rufen: Hektor fiel! Und durch Achilles!

AJAX
Und wenns auch ist, so prahlet nicht so sehr;
Held Hektor war nicht minder wert als er.

AGAMEMNON
Zieht still vorbei! Entbietet dem Achill,
Daß ich in meinem Zelt ihn sprechen will.
Da uns sein Sieg den größten Feind gebändigt,
Fällt Troja bald, und unser Feldzug endigt.
Sie marschieren weiter.




[ELFTE ] ZEHNTE SZENE

[Daselbst ] Ein anderer Teil der Ebene


Äneas , Paris, Antenor und Deiphobus [und Trojaner ] treten auf.

ÄNEAS
Halt! Weicht nur nicht! Noch ist das Schlachtfeld unser;
Wir halten stand, erwarten hier den Tag!
Troilus tritt auf.

TROILUS
Hektor ist tot.

ALLE
                 Hektor? Verhüt es Zeus!

TROILUS
Ja, tot; und an dem Roßschweif seines Mörders
Viehisch geschleift auf der beschämten Flur.
Zürnt, Götter! Eure Rache treff uns schnell!
Hohnlächelnd schaut von euerm Thron herab,
Die Gnade nur gewährt: endet es schnell,
Verzögert nicht den sichern Untergang!

ÄNEAS
Mein Prinz, das ganze Heer entmutigt Ihr!

TROILUS
Ihr faßt nicht meinen Sinn, wenn Ihr so sprecht.
Ich rede nicht von Furcht, von Flucht, noch Tod.
Trotz biet ich allem Graun, womit die Götter
Uns Menschen noch bedrohn. – Hektor dahin! –
Wer sagt es Priam? Wer der Hekuba?
Wer hat den Mut, als nächtge Eule krächzend
In Troja zu verkünden: Hektor fiel?
Solch Wort verwandelt Priamus in Stein,
In Quelln und Nioben Jungfraun und Weiber,
Jüngling' in Marmorbilder und entsetzt
Troja zum Wahnsinn. Auf denn, Freunde, fort!
Hektor ist hin! Das ist das Todeswort. –
Doch halt: Ihr schnöden, gottverhaßten Zelte,
So stolz gereiht auf unsrer phrygschen Flur:
Erhebe Titan sich so früh er mag,
Ich stürm euch durch! Und du, feigherzger Riese,
Kein Erdenraum soll trennen unsern Haß;
Dir jag ich wie dein bös Gewissen nach,
Das Larven scheußlich weckt wie Fieberwahnsinn! –
Schlagt rasch den Marsch zur Heimkehr! Faßt euch Herz!
Der Rache Wunsch betäub den innern Schmerz.
[Äneas mit den Troern ab. ]
Pandarus kommt.

PANDARUS
Hört mich, mein Prinz, hört mich!

TROILUS
Fort, kupplerischer Pandar! Dein Gedächtnis
Sei ewge Schmach, und Schande dein Vermächtnis!
[Troilus geht. ] Alle außer Pandarus gehen ab.

PANDARUS
Eine schöne Arznei für meine Gliederschmerzen! O Welt, Welt, Welt! So wird dein armer Unterhändler verhöhnt! O ihr Verführer und Kuppler, wie eifrig nimmt man eure guten Dienste in Anspruch, und wie schlecht lohnt man euch! Warum sind unsre Bemühungen so geliebt und unser Ausgang so getrübt! Welchen Denkreim gibts dafür? Welch Gleichnis? Laß sehn:

Recht lustiglich summt euch das Bienchen vor,
Solang es Waff und Honig nicht verlor;
Doch ist sein scharfer Stachel erst heraus,
Ists mit dem süßen Ton und süßen Honig aus.
Ihr, die ihr euch des schwachen Fleisches annehmt, setzt dies in eure gemalten Tapeten!
So viel hier von der Zunft des Pandar sind,
Halb blind schon, weint bei seinem Fall euch blind,
Und stöhnt, wenn euch die Träne ward versagt,
Wenn nicht um mich, doch weil die Gicht euch plagt.
Hört, wer zum Kupplerorden sich bekennt:
Auf nächsten Herbst mach ich mein Testament;
Ich tät es jetzt, doch trat die Furcht dazwischen,
Ein Gänschen aus Winchester möchte zischen.
Drum laßt mir Zeit, mich schwitzend neu zu fiedern,
Und all mein Kreuz vermach ich euern Gliedern.
Er geht ab.