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Jonathan Frock

Heinrich Zschokke: Jonathan Frock - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitle»... weiß wie der Teufel!«
authorHeinrich Zschokke
year2000
publisheredition lumière
addressBremen
isbn3-934686-00-1
titleJonathan Frock
pages157-218
created20010828
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dergleichen Unterhaltungen waren keine Seltenheit zwischen beiden Leuten. Frock verließ das Haus darum doch nicht. Wirklich hing er mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an den Knaben, die er erzog. Gewöhnlich schloß er sie, nach den Gesprächen mit ihrem Vater, heftiger, auch wohl mit nassen Augen an sein Herz, und sagte: »Ihr seid ja die Einzigen, die mich verstehen und wert halten. Verlier' ich euch, verlier' ich Alles.«

Frock war aber auch, hätte er das Haus verlassen, ohne alle Aussicht. Vermutlich wußte das der Kriminalrat sehr gut, so wie er auch nicht vergaß, daß Frock in dürftigen Umständen zu ihm gekommen war. Weil Schwarz eben einen Hauslehrer bei seinen Kindern, oder vielmehr einen Aufseher bei ihnen brauchen konnte, hatte er ihn fast nur um Obdach und Beköstigung aufgenommen. Über Gehalt und Lohn ward nichts bedungen. Was Schwarz gab, ward immer wie Geschenk und Gnade angesehen, und reichte kaum zu anständiger Bekleidung der Person hin. Aber gerade dies war dem Oberkriminalrat recht. Es sollte in seinem Hause Alles und Jedes in Abhängigkeit von seiner jeweiligen Laune stehen.

Jonathan Frock lebte daher sehr eingezogen und still. Gesellschaft sah er selten. Er war nirgends heiterer, offener, herzlicher, als bei seinen zwei kleinen Freunden, die er bildete; sonst zurückhaltend und schüchtern. Wenn man ihn nur ein wenig zutraulich machte, verklärte sich sein ganzes Wesen. Er ward lebhafter, offener, beredsamer; seine Augen blitzten von einem innern Feuer. Eine gewisse Gutmütigkeit nahm für ihn ein. Das Alles verschwand und erlosch aber eben so schnell, als man ihn verspüren ließ, er sei fremd und am unrechten Orte. Im Schwarzischen Hause war ihm ein verschlossenes Wesen beinahe zur andern Natur geworden. Frau von Schwarz zog ihn so wenig, als ihr Mann, hervor. Sie stand in gleichem Verhältnis stolz und abstoßend gegen ihr Hausgesinde – und dazu rechnete sie auch den Aufseher ihrer Kinder, – als ihr Mann gegen sie. Durch hohen Ton glaubte sie den Leuten diejenige Ehrfurcht wieder einzuflößen, welche ihr des Eheherrn unartiges Betragen zu rauben drohte. So blieb zwischen ihr und dem Hauslehrer eine noch größere Kluft, als zwischen ihm und dem Herrn von Schwarz.

Es war Frock übrigens ein nicht übler Mann, seinem Äußern nach; zwar nicht schön, aber wohlgewachsen. Er hatte ein offenes, angenehmes, aber blasses Gesicht, das durch ein pechschwarzes krauses Kopfhaar noch blässer ward; zarte, weiße Hände, um die ihn manches Mädchen beneiden konnte; eine weiche, seelenvolle Stimme und viel Bedeutsamkeit in seinen Gebärden, wenn er lebhafter redete. Er mochte ungefähr achtundzwanzig Jahre alt sein. Dabei war er im Äußern, so einfach er auch gekleidet sein mochte, ungemein sauber. Aus allen seinen Reden leuchtete religiöser Sinn. Doch ging er selten zur Kirche, oder nie. Oft, wenn er recht heiter zu sein schien, und sein Auge lachte, und er sich der Freude ganz hingeben zu wollen Neigung wies, konnte er plötzlich verstummen. Man sah, daß Trauriges in ihm vorging. Zu manchen Zeiten konnte er bei gleichgültigen Gesprächen in Verlegenheit geraten, und ohne Veranlassung erröten. Immer ein Beweis, daß er reizbar, oder, wofür auch die Blässe seines Gesichts sprach, von unsicherer Gesundheit war. Herr von Schwarz aber, mit seinem Kriminalrichterblick, ahnete aus dergleichen Verwandlungen etwas Böseres. Er hatte es verschiedene Male darauf angelegt, ihn auszuforschen. Doch kam er damit nicht weiter, als daß er erfuhr, Frock sei aus dem Elsaß gebürtig: von armen Eltern; eine Zeit lang unter den französischen Fahnen als gemeiner Soldat gestanden; in der Schweiz, in Italien, in Ägypten gewesen; am Schenkel durch eine Kugel verwundet, des Kriegslebens satt geworden; endlich, und vermutlich ohne Urlaub, davon gelaufen.

Weil sich Frock übrigens im Hause untadelhaft und friedlich aufführte, ließ es der Oberkriminalrat dabei bewenden. Dieser hielt ihn ohnedem für einen ganz unbedeutenden Menschen, und glaubte nichts weniger, als daß derselbe je bedeutenden Einfluß auf sein Schicksal haben würde.

Wenige Wochen nach jener Unterredung aber ereignete sich ein Vorfall, der den Bruder Wunderlich, wie Herr von Schwarz seinen Knaben-Aufseher nannte, plötzlich aus dem Hause entfernte.

Dieser unterrichtete eines Tages die Kinder in der Geschichte, und redete eben mit der ihm eigenen Wärme von der muhamedanischen Religion, von dem Vortrefflichen, was der Koran der Türken enthalte, von den Tugenden, welche bei Bekennern des Propheten von Mekka oft häufiger, als unter Christen, gefunden würden. Herr von Schwarz kam dazu, hörte dies eine Weile lächelnd, aber bitter lächelnd an, denn er war übelgestimmt. Er hatte zufällig erfahren, daß man sich am Hofe über eine von ihm eingegebene Schrift, die Reform des Justizwesens betreffend, ein wenig lustig gemacht habe. So brach er Gelegenheit vom Zaun, und ließ seinen Unmut in ärgerlichem Spott gegen den blassen, duldsamen Verkünder des arabischen Propheten aus. Dieser schwieg und stierte trübsinnig vor sich hin. Die beiden Knaben hörten nicht auf den Vater, sondern sahen traurig ihrem Lehrer nach den Augen, als wollten sie ihn trösten; und legten ihre Hände auf seine Achseln, als wollten sie sagen: Beruhige dich, wir gehören dir doch an.

Den Auftritt unterbrach das Erscheinen des Majors von Tulpen, eines verabschiedeten königlichen Offiziers, der von Zeit zu Zeit in das Haus zu kommen pflegte. Denn er war mit der Frau von Schwarz verwandt, und glaubte mit dem Oberkriminalrat guter Freund zu sein. Er hatte demselben in frühern Jahren wesentliche Dienste geleistet, als der Major noch nicht verabschiedet, und Herr von Schwarz noch ein wenig bekannter Mann war. Damals hatte Schwarz mehr denn anderthalb Jahre unentgeltlich beim Major gelebt, der ihm auch durch Empfehlungen den Weg zu seiner nochmaligen glänzenden Laufbahn öffnen half. Herr von Tulpen war ein ganz wackerer, aber etwas hastiger Mann, der viel von seinen mitgemachten Feldzügen zu erzählen wußte, auch gern erzählte, nur daß es ihm etwas an Zahlen- und Namensgedächtnis fehlte.

Diesmal brachte ihn wirklich der Abgang seines Zahlensinns zum Herrn von Schwarz.

»Ich bin in einer verdammten Verlegenheit, Herr Gevatter Oberkriminalrat!« rief er: »Sie müssen mir einen Liebesdienst tun.«

»Von Herzen gern, mein Bester!« sagte Herr von Schwarz: »Ich höre hier mit Vergnügen dem Unterricht meiner Kinder zu, und das Lob der türkischen Religion von den Lippen der Unmündigen. Wir wollen uns von den Muselmännern nicht in den Tugenden der Freundschaft, Großmut und Dankbarkeit oder Barmherzigkeit übertreffen lassen.«

»Desto besser! So treff' ich's gut!« rief Herr von Tulpen: »Denn ich muß Geld haben, und sollte ich's stehlen. Kommen Sie; nur ein paar Wörtchen im Vertrauen.«

Das Wort Geld stimmte den Herrn von Schwarz doch etwas um. Er war gar nicht gewohnt, daß ihn der Major um Gefälligkeiten bat, noch weniger um Geld. Er hoffte daher eine allfällige Bitte um Geld desto leichter beim Major zu unterdrücken, wenn er es nicht zu einer Unterredung unter vier Augen kommen ließ.

»Sprechen Sie nur ganz frei«, sagte er, »ich habe vor meinen Kindern und ihrem Lehrer nie ein Geheimnis. Nur heraus mit Ihrem Geschäft.«

»Zum Kuckuck, das ist ganz gut!« sagte der Major verlegen: »Aber ich möchte doch meine verdammte Lage nicht jedem offenbaren.«

Eben das wollte Schwarz, und darum blieb er in der Unterrichtsstube, trotz aller Bitten und Fluchen des Majors, dessen Ängstlichkeit in allen Mienen zitterte. Und was dieser ihm sagen mochte, Schwarz drehte es immer mit vieler Laune in Spaß um. Der Major lief einige Male auf und ab (Schwarz hoffte, er werde aus der Stube laufen), blieb dann stehen, schwenkte den etwas abgegriffenen Kriegerhut dreimal im Ring herum und sagte: »Sehen Sie, muß mich der Kobold reiten – mach' ich den dummen Streich – wie ich nun so bin – lasse mich von dem Kaufmann – Kaufmann Dings da – ei, Sie wissen ja, mein Nachbar ist's, der Bankerott machte und davon gegangen ist – kurz und gut, lasse mich vor Jahr und Tag von ihm breit schlagen, Bürge zu werden um tausend Gulden, ich, der ich keine tausend Gulden im Vermögen habe – soll nun zahlen – tausend Gulden zahlen – bedenken Sie, ich, der keine tausend Groschen hat...«

»Das ist allerdings schlimm!« erwiderte Herr von Schwarz ungemein ernst und höflich.«Sind Sie einziger Bürge?«

»Einziger! denken Sie, und wie in dem verdammten Wisch steht, mit gesamtem Habe und Vermögen, jetzigem und künftigem. Hab's nun wohl vor Gericht deutlich erklärt, ganz deutlich, hätte keine tausend Groschen; sagt' es auch dem Finanzrat Dings da, dem ich die tausend Gulden zahlen soll. Man zuckte die Achseln, und ich zuckte sie auch. Und so gingen wir auseinander. Nun meinte ich, es sei vor der Hand, leider zum Schaden des Finanzrats, abgetan, Sieh' da, wart' ich auf das Quartal von meiner Pension, warte drei, vier Wochen. Will nichts kommen. Kein Groschen im Hause; die letzte Kartoffel verkocht; drei Wochen keinen Bäcker bezahlt; der Fleischer schickt ein Conto. Ich muß gelebt haben. Meine beiden Mädchen haben auch Fleisch und Blut. Ich laufe in die Kriegskanzlei; denke, sie haben's vergessen. Zuckt der Kriegsrat Dings da die Achseln und sagt: Tut mir leid; Finanzrat Dings da hat auf Ihre Pension durch die Gerichte Beschlag legen und sie beziehen lassen. Das wissen Sie ja. Hol' ihn der Geier, sag' ich, ich weiß nichts davon. Laufe zum Finanzrat Dings da. Der zuckt die Achseln, und sagt: Das Gericht hat Sie für den Kaufmann Dings da, als seinen Bürgen, zum Zahlen verurteilt. Sie wissen's ja. Hol' der Geier das Gericht, ich weiß nichts davon. Wovon soll ich leben mit meinen beiden Töchtern? Komme mit dem Majorstitel und halber Hauptmannsgage kaum ohne Hungerleiderei durch. Biete aber doch dem Finanzrat Dings da vierteljährlich fünf Taler an; will so, will's Gott, ehrlich abzahlen nach und nach, wenn auch langsam. Er zuckt die Achseln. Hol' der Geier die Achselzucker. Nun komm' ich zu Ihnen.«

Der Oberkriminalrat nahm sich wohl in Acht, die Achsel zu zucken, sagte aber doch: »Allerdings, das steht schlimm. Sie haben gefehlt, daß Sie die Bürgschaft so leichtsinnig übernahmen. Hier läßt sich nichts mehr ändern, auch nicht gegen den Spruch des Gerichts rekurrieren.«

»Will auch das Gericht nicht kurieren; aber Gevatter Oberkriminalrat, kurieren Sie mich von meiner Herzensnot. Habe sonst und kenne sonst Keinen, als Sie. Darum komm' ich zu Ihnen. Schießen Sie mir die tausend Gulden vor. Wissen Sie was? Jährlich zahl' ich Ihnen fünfzig Gulden zurück. Ich will von Ihnen nichts geschenkt. In so und so viel Jahren haben Sie Alles wieder.«

»So und so viel heißt hier aber zwanzig!« sagte Herr von Schwarz, und senkte den Kopf bedächtlich vor sich auf die Seite nieder.

»Nun ja, zwanzig!«

»Gut! Aber mein Bester«, fuhr der Kriminalrat fort, und tat drei leise Schritte rückwärts, »wenn man nur immer bei Kasse wäre. Zum Beispiel, ich bin jetzt ohne Barschaft.«

»Ihnen leiht Jeder.«

»Ich habe meine Schulden. Sie wissen das nicht. Ich wäre diesmal außer Stande, Ihnen zu helfen.«

»Außer Stande?« lallte der Herr von Tulpen, und konnte lange kein Wort mehr vorbringen: »Oder sagen Sie deutsch heraus: Sie wollen nicht.«

»Am Willen, bester Major, fehlt's nicht: aber das Können!«

»So möchte ich mir noch für einen Groschen Pulver kaufen, und mir die Kugel durch den Kopf schießen. Dann müssen Sie meine kleine Leonore erhalten; Sie sind ja ihr Taufpate!«

Der Kriminalrat zuckte statt aller Antwort die Achseln. Der Major geriet in wahre Todesangst, und flehte aufs rührendste. Fest, höflich, doch herzlich, lehnte Herr von Schwarz Alles ab. Zum Glück meldete ihm ein Bedienter einen fremden Herrn an. Er verneigte sich und ging.

»Sie wollen also nicht?« schrie ihm der alte Major nach.

»Kann nicht!« sagte der Kriminalrat kalt unter der Tür, und verschwand.

Dem Major brachen die Knie. Er setzte sich oder sank vielmehr auf einen nahen Sessel; blieb lange unbeweglich, zerdrückte endlich seinen alten Hut mit Ingrimm, und rief, wie ein Verzweifelnder, das Auge gen Himmel wälzend, mit schauerlicher Stimme: »Soll ich denn mit meinen Kindern verhungern?«

 

Frock hätte sich mit seinen Zöglingen längst schon gern entfernt gehabt. Er war aufgestanden. Immer hatte er den Major mitleidsvoll betrachtet. Jetzt trat er schüchtern zu ihm, und sagte ehrerbietig und leise:«Warten Sie nur noch einen Augenblick!«

»Hol' euch der Geier!« fuhr ihn der Major donnernd und mit glühendem Gesichte an.

»Warten Sie doch nur einen Augenblick!« wiederholte Frock mit einer bittenden Gebärde, und ging eilig davon. Nach wenigen Minuten kam er wieder, trat auf den Zehen zum Major, und hielt ihm mit der Hand eine Schnupftabaksdose hin. Der Herr von Tulpen achtete auf ihn nicht, und saß in sich vertieft da.

»Nehmen Sie!« sagte Frock.

»Fort!« schrie der Major, und zuckte mit dem Stock in der Hand: »Bin ich Sein Narr? Ich schnupfe nicht.«

»Diese Dose ist mehr als tausend Gulden wert. Ich gebe sie Ihnen. Nehmen Sie sie nur, Herr Major.«

Der Major sah die Dose seitwärts verdrießlich an, riß aber doch die Augen auf, als er sie wunderbar strahlen sah, und die beiden neugierig hinzudrängenden Knaben einmal über das andere ihr: »Oh! Oh!« riefen. Es war eine kostbar gearbeitete goldene Dose mit Schmelzwerk, in einem Viereck von großen Diamanten leuchtend.

Herr von Tulpen sah bald die Dose, bald den Geber an. »Was soll denn das?« fragte er.

»Nehmen Sie, Herr Major. Damit können Sie Ihre Schuld bezahlen. Ich gehe mit Ihnen zum Juwelier; er soll sie schätzen. Kommen Sie.«

»Herr«, rief der Major mit sanfter Stimme, »wer sind Sie?«

»Ich heiße Jonathan Frock.«

»Jonathan Frock? – und das Ding da, glauben Sie, sei tausend Gulden wert?«

»Unter Brüdern mehr!« erwiderte Frock:«Kommen Sie.«

»Und Sie wollen meine Schuld damit tilgen?«

»Gewiß und gern.«

»Aber wer sind Sie?«

»Ich bin Jonathan Frock, Lehrer bei diesen Kindern.«

Da ward der Alte stumm. Er sah den jungen Mann lange an, bis er nichts mehr sehen konnte; das Wasser trat ihm in die Augen. Dann schlug er die Arme um den Jüngling, und sagte leise mit schmerzlich gebrochener Stimme: »Nun denn, Jonathan, so laß mich dein David sein!« – Frock beruhigte ihn, nahm ihn und führte ihn zum Juwelier. Dieser schätzte die Dose auf zwölfhundert Gulden; und da man sie ihm zum Verkauf bot, nahm er sie endlich auch um den Preis an, wiewohl er tausendmal beteuerte, sich in der Schätzung zu eigenem Nachteil übereilt zu haben.

Beide gingen zum Gläubiger des Majors. Die Schuld ward abgetan; dem Major der Vierteljahrsgehalt zurückgestellt; bei der Kriegsrechenkammer Alles berichtigt.

Unterdessen hatte der Oberkriminalrat von seinen Kindern die ganze Begebenheit erfahren. »Eine goldene Dose mit Brillanten!« rief er zehn- und zwanzigmale: »Wie kommt der Schlucker zu einer goldenen Dose?« – Die Antwort hatte er eben so schnell gefunden, als die Frage. »Gestohlen!« dachte er, ließ einen Schlosser rufen und Frocks kleinen Reisekoffer eröffnen. Er untersuchte selbst, ob noch Kostbarkeiten darin verborgen wären, und fand, außer einigen beschmutzten Schriften, einiger Wäsche und Kleidern, nichts.

Er hatte die Arbeit eben vollendet, als Frock mit gewöhnlicher bescheidener Art in die Stube trat, und sich ehrerbietig verneigte. Wie aber seine Augen auf den erbrochenen Koffer fielen, verwandelte sich plötzlich seine Miene; vom Erstaunen ging er zum Ernst, vom Ernst zum Zorn über. Er ward wieder der napoleonische Soldat, der er gewesen; packte mit gewaltiger Faust den Oberkriminalrat an der Brust, schüttelte ihn dreimal her und hin, und warf ihn dann gegen die Wand.

»Wessen haben Sie sich angemaßt? Halten Sie mich für einen Dieb?« rief Frock mit erschütternder, löwenhafter Stimme: »Wer gab Ihnen Macht und Fug, fremdes Eigentum zu durchstören und heimlich Schlösser zu brechen? Bin ich verdächtig, gibt's keine Gerichte? Kennen Sie die Gesetze?«

Der Kriminalrat fiel bei dieser äußerst unerwarteten Haupt- und Staatsaktion ein wenig aus der gewöhnlichen Fassung. Er gestand nachmals selbst, er habe hier zum ersten Mal in seinem Leben die Geistesgegenwart verloren. Zu verargen war ihm das eben nicht. Denn, ungerechnet, daß er über einer verbotenen Tat ertappt worden war, lag in Frocks Verwandlung etwas wahrhaft Erschreckliches und Unbegreifliches. Dieser sonst untertänige und schüchterne Mensch hatte den Mut, einen Oberkriminalrat zu schütteln; er, sonst wie ein Lamm, war schrecklich mit seinem Flammenblick und Ernst; seine donnernde Sprache schien ihm eben so wenig zu gehören, als die Riesenkraft des Arms.

Frock wies dem Herrn von Schwarz mit gebietendem Zeigefinger die Tür, und dieser, bleich und odemlos eine Entschuldigung stammelnd, verließ das Stübchen; hatte aber kaum mit dem Fuß das feindliche Gebiet verlassen, als er sich mit kriminalrichterlicher Majestät wieder umwandte und zurück rief: »Herr Frock, Sie verlassen auf der Stelle mein Haus!«

Ohne Zweifel war Frock gleicher Meinung; denn er hatte schon aus dem Fenster einen Kerl von der Gasse heraufgewinkt, der ihm den Koffer tragen sollte, welchen er, nach Durchmusterung der darin befindlichen Papiere, und Füllung mit einigen Kleidern und Büchern, sogleich verschloß. Er suchte seine beiden Zöglinge auf, drückte sie mit stummer Liebe weinend an seine Brust, und verließ das Schwarzische Haus auf ewig.

 

Sehr zeitig kam folgenden Morgens der Herr Major von Tulpen. Er fand die Frau von Schwarz allein; ihr Mann war in Geschäften ausgefahren. »Desto besser, gnädige Frau!« sagte der Major; »denn ich suche ihn auch nicht, und werd' ihn in dieser Welt schwerlich wieder suchen. Hat mich in meiner Todesangst verlassen, darum wird mich auch die Todesangst nicht wieder zu ihm treiben mögen. Aber wo ist mein Jonathan?«

»Ihr Jonathan, Herr Major? Ich kenne ihn nicht.«

»Was, meinen Jonathan nicht? – Er heißt eigentlich – nun doch – Jonathan Pfropf oder Kropf – Sie kennen ja den Dings da! Er ist ihr Hauslehrer.«

»Ach, den Frock. Er ist nicht mehr bei uns. Mein Mann jagte ihn gestern aus dem Hause.«

»Aus dem Hause? Was? Weil er großmütiger, als Ihr Mann, war? Was, aus dem Hause? – Ich bin ein armer pensionierter Kriegsknecht, habe nicht mehr als so und so viel Quartalgeld, aber den Jonathan Dings da will ich zu mir nehmen lebenslang und ihn totfüttern.«

»Nehmen Sie sich in Acht. Er ist ein schlechter Mensch. Gutes Gewissen hat er nicht, das haben wir längst bemerkt. Sie könnten sich einen schlimmen Gesellen ins Haus setzen.«

»Einen schlimmen Gesellen?« rief der Major, ward feuerrot, und seine Augen funkelten Zorn über das Wort: »Hol' euch der – nun, ich will nichts gesagt haben. Gnädige Frau, aber ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten.«

»Sie verstehen mich wohl falsch, Herr Major, ich spreche nicht von Ihnen.«

»Aber von dem Jonathan Kropf. Sagen Sie mir kurz heraus, wo ist er?«

»Schon seit gestern fort.«

»Aber wohin?«

»Das wissen wir nicht, und kümmert uns nicht.«

»Aber mich. Adieu! – Nein, schreiben Sie mir doch seinen verteufelten Namen auf. Zopf heißt er? Schreiben Sie ihn nur auf ein Zettelchen. Ich will von Gasse zu Gasse laufen. Ich werd' ihn schon finden.«

»Falls er sich nicht aus dem Staube auf und davon gemacht hat. In der Stadt wird er schwerlich bleiben!« sagte Frau von Schwarz, und gab ihm Frock's Namen auf einem Blatt.

Lächelnd steckte Herr von Tulpen das Papier ein, sagte: »Ist Ihr Mann denn der König oder Gouverneur?« schlug bedeutsam und stark an seinen Degen, machte eine stumme Verbeugung und ging.

Er ging, wie er gesagt hatte, von Gasse zu Gasse durch die weitläufige Königsstadt; kam matt und müde heim; aß mit seinen Kindern; setzte Nachmittags die Reise fort; fragte unterwegs alle Bekannte, die ihm begegneten; lief so von einem Tag zum andern Tag; und gab endlich nach wochenlangen vergeblichen Kreuzzügen die Hoffnung auf, den teuern Helfer in der Not noch in der Stadt zu finden.

 

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